Bauwelt 28.2.08

UNESCO-WELTERBE
Vorauseilender Gehorsam? Streit um die
Hochstraße in Halle an der Saale

Wie viel darf ein Unesco-Welterbetitel kosten? Diese Frage wird derzeit in Halle (Saale) diskutiert, wo über die Zukunft der Hochstraße am Franckeplatz gestritten wird. Das 700 Meter lange Verkehrsbauwerk wurde zwischen 1968 und 1971 als Teil einer Neugestaltung des halleschen Straßennetzes errichtet, das die Altstadt vom Durchgangsverkehr entlasten sollte. Nach Entwürfen von Wolf-Dieter Raap entstand eine schwungvoll trassierte Spannbetonkonstruktion, die, von Hochhausgruppen flankiert, von der Mobilitätsbegeisterung der 60er Jahre kündete. Von rund 40.000 Fahrzeugen am Tag benutzt, gehört die Hochstraße zu den am stärksten frequentierten Straßen in Halle.

Doch nun bereitet das Bauwerk Probleme. Direkt an der Trasse befindet sich der ab 1698 erbaute Schulkomplex der Franckeschen Stiftungen. Die Stiftungen streben den Unesco-Welterbetitel an, die Hochstraße erscheint dabei als Störfaktor. Im März 2007 hat sich auf Initiative der Stiftungen der Verein "Bürgerinitiative Hochstraße Halle an der Saale" gebildet, der für den Abriss der Hochstraße und einen Ersatz durch Alternativlösungen kämpft. Die meistdiskutierte Variante ist der Bau eines Tunnels, aber auch eine ebenerdige Führung der Straße oder der Bau einer Entlastungsstraße südlich der Hochstraße werden erwogen. Der Verein betreibt eine rege Medienarbeit, wirbt um Sponsoren für die Erarbeitung von Alternativen, bemüht sich um Kontakte zu Hochschulen und hat prominente Unterstützer gewonnen.

Die Stadtverwaltung steht den Abrissplänen skeptisch gegenüber. Ein Problem sind die bautechnischen Risiken. Ein Tunnelbau würde Grundwasserabsenkungen erfordern und die Fundamente der Franckeschen Stiftungen bedrohen. Erste Schätzungen veranschlagen die Kosten für den Abriss der Hochstraße und den Neubau des Tunnels auf über 150 Millionen Euro. Dieser Betrag würde die Möglichkeiten der Stadt um ein Vielfaches übersteigen. Zum Vergleich: In den vergangenen zehn Jahren wurden für Stadtsanierung Fördergelder von insgesamt rund 75 Millionen Euro ausgegeben. Noch schwieriger wird die Lage durch die aktuelle Finanzkrise. Im Herbst 2007 konnte man nur durch radikale Sparmaßnahmen eine drohende Zwangsverwaltung abwenden. Die Kürzungen sind fatal für die zahlreichen Baudenkmäler in der Altstadt, die dringend saniert werden müssten. Wertvolle Gebäude gehen durch Einstürze oder Notabrisse verloren. Der Abriss der Hochstraße und der Bau eines Tunnels würden den Stadtverfall beschleunigen.

Dennoch will die Bürgerinitiative weiter für den Abriss der Hochstraße kämpfen. Für die Lösung der Finanzierungsprobleme gibt es schon eine Idee: Demnach könnte die Bundesregierung eine „Lex Halle“ erlassen und den Abriss der Hochstraße sowie den Tunnelbau finanzieren.

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