bonjour tristess 25.12.2010

Antworten aus der Provinz
Der Schinder von Glaucha

 

Außerhalb der Saalestadt kennt ihn kein Mensch, nur in Halle ist er weltberühmt: August Hermann Francke. Knut Germar erläutert, warum der Pfarrer, der 1698 am Rande der Stadt ein Waisenhaus und eine pietistische Schulstadt ins Leben rief, entgegen der landläufigen Meinung weder barmherziger Samariter noch Wundertäter und Kinderfreund war.

 

Es gehört zur ideologischen Grundausstattung deutscher Lokalpatrioten, dass sie ihre „regionale Identität“ aus einem Geschichtsverständnis herleiten, das den jeweiligen Wohnort als einen über die Jahrhunderte historisch gewachsenen Organismus begreift. Dies schlägt sich vor allem in der Vorstellung über das Stadtbild nieder. Dazu gehört, dass das Alte, in Form historischer Gebäude, um jeden Preis zu erhalten ist. Dazu gehört auch, dass das Neue, in Form moderner architektonischer Eingriffe, als Fremdkörper verteufelt wird. Es gibt vermutlich kaum eine deutsche Stadt, in der sich keine Bürgerinitiative zusammenrottet, wenn eine Baulücke in einem x-beliebigen Altstadtzentrum durch einen modernen, sich erfrischenderweise einmal nicht am historischen Stil der umliegenden Gebäude orientierenden Neubau geschlossen werden soll.

 

Die in dieser Form des Lokalpatriotismus zutage tretende „Überhöhung der Stadt als organischem Geschichtsbehälter und Museumsdorf“ (Justus Wertmüller) hat sich auch die hallische „Bürgerinitiative Hochstraße Halle an der Saale e.V.“ zu eigen gemacht. Sie setzt sich seit 2007 für den Abriss einer Hochstraße ein, die die hallische Altstadt mit der Neustadt verbindet. Die in den 1960er Jahren errichtete Straße, ein in erster Linie pragmatisches, aber durchaus gelungenes und kreatives Beispiel realsozialistischer Stadtentwicklung, bekämpft der Verein als „städtebaulichen Störfaktor“ und als „Wunde im Stadtorganismus von Halle“. Mit dem Abriss der Straße wolle man „der Stadt insgesamt den historischen Raum zurückgeben und damit zum Wohle ihrer Einwohner die Zukunft gewinnen und gestalten“. Das Hauptziel des Vereins besteht im Abgreifen eines Titels, der nicht nur hallischen Lokalpatrioten feuchte Träume beschert, sondern der auch aufgrund eben jener Hochstraße bisher in unerreichbarer Ferne liegt. Die Rede ist vom Weltkulturerbestatus der UNESCO. Verliehen werden soll er an die „Franckeschen Stiftungen zu Halle“, eine ehemalige Schulstadt, deren Grundstein 1698 gelegt wurde und die sich in den Folgejahren zum Zentrum des preußischen Pietismus entwickeln sollte. Das Dumme dabei: Es ist besagte Hochstraße, die die Sicht auf den Gebäudekomplex verstellt, weshalb der Wunsch nach Aufnahme ins Welterbe seit 15 Jahren nicht über die Vorschlagsliste der UN-Organisation hinauskommt. Mittlerweile haben die Hochstraßengegner nicht nur Fürsprecher in den städtischen Behörden, sondern auch von prominenter Seite gefunden. Der ehemalige Bundesaußenminister und notorische Ehren-Hallenser Hans Dietrich Genscher sprach sich Mitte September auf einem Fest anlässlich des Wiederaufbaus der Franckeschen Stiftungen für die Beseitigung der Straße aus, und das Amtsblatt der Stadt Halle freute sich in seiner Ausgabe vom 22. September, dass er damit „den Nerv der Gäste“ getroffen habe und sah das „Juwel“ und „Schmuckstück der Saalestadt“ dem Welterbetitel gleich ein Stück näher rücken.

 

Zwangsarbeit und Tugendterror

 

Mit der lokalpatriotischen Aufblähung der Stiftungen zum schützenden Kleinod und Weltkulturerbe geht eine Verherrlichung ihres Stifters einher, die sich die historische Wahrheit auf eine Weise zurechtbiegt, dass dieser als Wegbereiter eines sozialen und weltoffenen Halles gelten kann. August Hermann Francke (1663-1727), ein protestantischer Dorfpfarrer, der die Stiftungen am Ende des 17. Jahrhunderts durch die Errichtung eines Waisenhauses ins Leben rief, gilt nicht nur in Halle als Wegbereiter einer fortschrittlichen Erziehung und als barmherziger Menschenfreund, der sich mit beispiellosem Engagement für die Armen und Schwachen einsetzte. So kann man auf den Internetseiten der MDR-Fernsehreihe „Die Geschichte Mitteldeutschlands“ erfahren, dass Franckes „Einsatz für die arme und Not leidende Bevölkerung“ ihresgleichen suchte und „seine Sorge […] vor allem den verwaisten und verwahrlosten Kindern“ galt. Auch der preußische Pietismus, dessen führender Protagonist Francke war, wird in der vorherrschenden Wahrnehmung zu einer harmlosen, ja begrüßenswerten Angelegenheit. So beschreibt der Heimatschriftsteller Michael Pantenius in einem populären Stadtführer den Pietismus als religiöse, aber fortschrittliche Bewegung, die sich „gegen versteinerte kirchliche Riten, gegen barocke Scheingelehrsamkeit“ sowie „gegen die in Dogmen erstarrte lutherische Orthodoxie“ richtete und „umfassende Gesellschaftsreformen mit sozialer Tatkraft und moderner Pädagogik“ forderte.

Der Pfarrer war jedoch weder Kinderfreund, noch war die Geistesrichtung, zu deren Anführer er avancierte, eine fortschrittliche, das heißt: auf Freiheit und Bürgerlichkeit gerichtet. Es war der führende Kopf der Pietisten in Preußen, Phillip Jacob Spener, der seinem Schüler Francke – nachdem dieser nach seiner Erweckung wegen des Verbreitens pietistischer Ideen bereits aus mehreren Städten geworfen worden war – 1692 einen Job in Halle besorgte, damit er dort als Universitätsprofessor und Pfarrer im Dienste der gemeinsamen Sache tätig werden konnte. Zentral am Pietismus Franckescher und Spenerscher Prägung war eine radikale Weltfeindlichkeit, die überall Sünde, Verderbnis und den Teufel am Werk sah. Als Sinnbild des Bösen galt den Pietisten das, was Francke als „Mitteldinge“ bezeichnete: das Streben nach materiellem Gewinn zum privaten Gebrauch, die prachtvolle barocke Kleidermode, Theater, Spielen, Tanzen und Trinken, kurzum: jegliche Art gesellschaftlicher Zerstreuung und weltlicher Genüsse. In diesen Dingen sah der Tugendwächter Francke das gefährlichste Hindernis eines gottgefälligen Lebens, weshalb er sie Zeit seines Lebens mit fanatischem Eifer bekämpfte. Vor diesem Hintergrund betrachtet, erweist sich Franckes „soziales Engagement“ als alles andere als ein wohltätiges und menschliches. Francke, der nach eigener Aussage angetreten war, um „die herrschende Sünde und Bosheit“, die „in allen Ständen ausgebreitet hat“, zu bekämpfen, gründete zu diesem Zwecke eine Erziehungs- und Arbeitsanstalt, die nicht nur auf eine pietistische Gesellschaftsreform hinarbeiten, sondern gleichzeitig als leuchtendes Beispiel dafür stehen sollte, wie die Welt aus Franckes Sicht einzurichten sei.

 

Der mit einem Waisenhaus für die Armen begonnene franckesche Masterplan, die pietistische „Auferziehung der Stände“, weitete sich rasch zu einem Großunternehmen aus. So entstanden nicht nur verschiedene, an der Ständeordnung des preußischen Königreiches orientierte Schulen für Waisen-, Bauern-, Handwerker-, Bürger- und Adelskinder, sondern auch ein Verlag mit Druckerei und Buchhandlung, um die pietistischen Erbauungsschriften an den Mann zu bringen. Neben medizinischen Einrichtungen verfügte Franckes Anstalt über Ställe, Küchen, Gärten und Werkstätten, die hauptsächlich von den Waisenkindern und dem Nachwuchs des unteren Standes betrieben wurden. Harte und körperlich schwere Arbeit nahm einen Großteil des kindlichen Alltags ein. Sie diente, neben der Vorbereitung auf das nach der Entlassung anstehende Berufsleben und der materiellen Versorgung der Anstalt, vor allem der Vermeidung jeglichen Müßiggangs und einer damit verbundenen Hinwendung zu weltlichen Freuden. Der verführende und lockende Teufel wohnte nach Ansicht Franckes in der Stadt, weshalb das Stiftungsgelände nicht nur im damaligen Vorort Glaucha lag, sondern auch (um die Insassen vom Sündenpfuhl möglichst fernzuhalten) von großen, beim Bau der Hochstraße abgerissenen Mauern umgeben war. Zudem durfte die Anstalt kaum – und wenn, dann nur unter strengster Bewachung – verlassen werden. Die für die Schüler seltenen und in Reih und Glied unternommenen Ausflüge führten dann auch lediglich auf die umliegenden Äcker, Wiesen und Weiden oder aber zum Gottesdienst in die nur wenige hundert Meter entfernte Georgenkirche, deren Pfarramt Francke von 1692 bis 1715 bekleidete. Der Historiker Carl Hinrichs betont, dass das Hauptziel der franckeschen Erziehung im Herbeiführen eines religiösen Erweckungserlebnisses bestand, und charakterisiert die dazu angewandten Mittel folgendermaßen: „Franckes Pädagogik erstrebt […] eine Wiederholung des eigenen Heilserlebnisses durch geistige Disziplin und weltfeindlichen Drill.“ Zu diesem Drill gehörte nicht nur die eben beschriebene permanente Beschäftigung durch Zwangsarbeit und die Abschottung der Anstaltsinsassen von der Außenwelt, sondern ein strenges nach Innen gerichtetes Regime, das selbst noch die Gedanken der Zöglinge beherrschen wollte. Neben unzähligen Bibelstunden, Andachten und Predigten sowie der permanenten Überwachung durch die mit den Schülern zusammenlebenden Aufseher und Lehrer forderte Francke von den Kindern täglich schriftliche Rechenschaft über den Zustand ihres Glaubens in Form von Tagebucheinträgen und Briefen.

Es ist kaum verwunderlich, dass die Pietisten in ihrem fundamentalistischen Hass auf Freiheit und Genuss ein alles andere als distanziertes Verhältnis zur Körperstrafe als Erziehungsmittel pflegten. Franckes Angestellte machten davon ausgiebig Gebrauch und prügelten ihre Zöglinge regelmäßig zur Erleuchtung und auf den Weg des Herrn, das heißt zu „Frömmigkeit und Tüchtigkeit“. So sehr sogar, dass sich Francke, nachdem es zu Beschwerden von Eltern aus den höheren Ständen und zum wachsenden Ruf der Stiftungen als Prügelanstalt gekommen war, mehrfach zum Eingreifen genötigt sah. So mahnte er 1711 seine Aufseher in einer Ansprache zur Zurückhaltung bei ihren der Anstalt schadenden Prügelexzessen, die er bei dieser Gelegenheit eindringlich beschrieb: „Es ist auch wohl geschehen, dass wenn Kinder mit dem Stocke geschlagen sind, 12, 15 Schläge nacheinander, nicht einmal geschlagen, sondern wieder über die Kinder hergefahren, dadurch denn ein solch jämmerlich Geschrei unter denen Kindern entstanden ist, dass Leute […] sind auf der Straßen gegangen, stille gegangen, haben das mit angehört, und sind denn in solche Worte ausgebrochen, es müssen ja rechte Schinder-Knechte in der Schule sein.“ Offensichtlich waren die Gewaltexzesse keine Ausnahmen sondern Alltag. So beklagte sich Francke wenige Jahre nach dieser Ansprache erneut in einem Redeentwurf an seine Aufseher und Lehrer: „Etliche exzedieren in der Disziplin gar gröblich, geben Ohrfeigen, schlagen auf den Kopf, oder ins Gesicht: Item schlagen mit dem Stock so unverständig, dass der Rücken braun und blau wird.“ Wer nun glaubt, dass Francke im Unterschied zu seinen Angestellten die körperliche Unversehrtheit der Schüler am Herzen lag, der irrt gewaltig. Auch Francke sah im Schlagen der Kleinen durchaus Mittel um kindliche „Verbrechen“ wie „Ungehorsam“, „Scherz und Narreteidung oder Narren-Possen“ zu kurieren. Im Gegensatz zu seinen, sich meist ihren Affekten und Rachegelüsten hingebenden Angestellten wollte Francke, dass die Prügel mit Liebe und Sachverstand ausgeführt sowie mit einer pädagogischen Einsicht der Kinder verbunden wird. Er wollte, dass, um mit seinen Worten zu sprechen, „den Kindern mit Fleiß beigebracht werde, dass sie alle Bestrafung für eine Wohltat zuachten“ und „nach der gebrauchten Zucht die Hand geben, dank sagen und Besserung angeloben lassen“. Das, was in diesen grausamen Worten durchscheint, ist der franckesche Anspruch an jegliche Erziehung. Gemäß der pietistischen Zurichtung des Einzelnen zum Werkzeug Gottes setzte er als oberstes Ziel die Ausmerzung jeglichen kindlichen Eigensinns, oder, wie er sich ausdrückte, „dass der natürliche Eigen Wille gebrochen werde“.

 

Preußischer Pietismus und autoritärer Staat

 

„Durch den herzlichen Gehorsam wird die Herrschaft des eigenen Willens und Fürwitzes niedergelegt, und das Herz immer mehr und mehr erniedrigt und demütig gemacht und auch zu einer ungeheuchelten Bescheidenheit und Freundlichkeit angewiesen“, schrieb Francke 1702 und zeigte damit, worauf seine Erziehung zwangsläufig hinauslief: auf die Produktion gefügiger Untertanen. Es sind die berühmten preußischen Tugenden, die Francke formulierte und zum erklärten Leitbild seiner Erziehung machte, als er folgendes zu Papier brachte: „Hiernächst ist zu merken, dass insonderheit drei Tugenden sind, welche man vor allem suchen muss, den Kindern bei noch zarten Jahren einzupflanzen, […] nämlich: Liebe zur Wahrheit, Gehorsam und Fleiß.“ Es verwundert daher kaum, dass der als Soldatenkönig bekannte und die pietistische Ethik teilende Friedrich Wilhelm I. die Potentiale der Franckeschen Stiftungen erkannte und sich zu nutze machte, als er sich ab 1713 anschickte, das preußische Königreich militärisch und ökonomisch aufzurüsten, um so den Grundstein für eine preußische Großmacht zu legen. Denn bei aller Jenseitigkeit, die die Pietisten an den Tag legten, gab es etwas im Diesseits, dem sie sich mit inbrünstiger, fast wollüstiger Leidenschaft an den Hals warfen – der weltlichen Macht nämlich.

Francke gab unumwunden zu, dass die Hauptprodukte seiner Anstalten „getreue und erwünschte Untertanen“ sind und bewarb seine Schulen bei der Obrigkeit mit folgenden Worten: „Und was sind dieses anders als angelegte Baumschulen und seminaria für das ganze Land: denn da werden christliche Handwerk- und Handelsleute, gute Schulmeister, ja auch christliche Prediger und Ratsleute praeparieret, welch in ihrem Leben hernach desto mehr sich verbunden achten, jedermann zu dienen, weil sie Gottes sonderbare Fürsorge von Kindheit auf erfahren.“ Allein die Gestaltung des Giebels am Haupthaus der Franckeschen Stiftungen legt nahe, dass Pietismus und Preußentum voneinander getrennt gar nicht zu denken sind. Die beiden zur Sonne fliegenden Adler – ein mehr als offensichtlicher Rückgriff auf das preußische Hoheitszeichen – und der darunter befindliche Sinnspruch beweisen, dass das Band zwischen Staat und Anstalten durch mehr als ein Zweckbündnis geknüpft wurde. „Aber die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“ – dieses Bibelzitat ist vor dem Hintergrund der pietistisch-preußischen Allianz nur in zweiter Linie auf das jenseitige Leben im Himmel gerichtet. Vielmehr ist das Motto als ein Wink mit dem Zaunpfahl zu begreifen, dass man, so es der eigene Nachwuchs in Preußen zu etwas bringen soll, ihn am besten der Obhut des Franckeschen Projekts überlässt. Innerhalb weniger Jahre entwickelten sich die Glauchaer Anstalten zur Kaderschmiede des autoritären preußischen Staates. Ausgebildet wurden hier nicht nur Lehrer, Pfarrer und kleine Verwaltungsbeamte. Auch ein großer Teil des preußischen Offizierskorps und der höheren Staatsbeamten ging durch das „Paedagogium regium“, jene von Francke gegründete höhere Schule, die von ihm als Ausbildungsstätte für den sogenannten Regierstand vorgesehen war, und die dieses Ziel ja dann auch mehr als vorbildlich erfüllte. Zum Dank für soviel Treue, Gehorsam und Pflichtbewusstsein stellte der preußische Staat Franckes Betriebe nicht nur von jeglichen Zunftschranken frei. Auch waren Behörden und Militär die Hauptabnehmer der in den Stiftungen hergestellten Erzeugnisse, weshalb Franckes Unternehmen sehr bald das wirtschaftliche Geschehen der Stadt dominierte.

 

Betrachtet man das pietistische Arbeitsethos genauer und vergleicht es mit dem puritanischen – mit jenem protestantischen Arbeitsethos also, das die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft in England und Amerika sekundierte –, dann wird man feststellen, dass Francke eben nicht, wie Pantenius in seinem Reiseführer behauptet, seine Zöglinge zu „nützlicher Arbeit zum Wohle der bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen“ gedachte. Stattdessen ist der Pietismus gegen die bürgerliche Gesellschaft selbst gerichtet, indem er von vornherein ihre Herausbildung verunmöglicht. Zwar nehmen sich Pietismus und Puritanismus hinsichtlich ihrer Gegnerschaft zu sinnlichen Freuden und ihrer Begeisterung für straffe Arbeitsdisziplin und ein geregeltes Tagwerk nur wenig. In ihren Vorstellungen von der Berufsarbeit als Weg zur Gottseeligkeit ist jedoch ein Unterschied enthalten, der einer ums Ganze ist. Hinrichs bringt ihn folgendermaßen auf den Punkt: „Aber der angelsächsische Puritaner heiligt die Arbeit ‚an und für sich’, der deutsche Pietist die Arbeit ‚für andere’.“ Im Puritanismus wird der gottgefällige und zum rechten Glauben Bekehrte in dieser Welt mit der Vermehrung seines privaten Reichtums entlohnt, den er sich durch die unter göttlichem Segen stehende Berufsarbeit erwirtschaftet. Der Motor der ganzen Plackerei ist im puritanischen Arbeitsethos ein durch die berufliche Tätigkeit verfolgter Eigennutz – der Glaube also, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits für das redliche, fleißige und rechtschaffene Leben belohnt zu werden. Dazu gehört die Auffassung, dass die berufliche Tätigkeit, wenn sie nur brav im Rahmen der weltlichen und göttlichen Gesetze vonstatten geht, von ganz allein dem Wohle des Nächsten dient. Eine direkte, persönliche und verpflichtende Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Heil seiner Mitmenschen existiert im Begriff der puritanischen Berufsarbeit schlichtweg nicht.

Ganz anders im Pietismus Franckescher Prägung. Zwar ist auch hier der Einzelne für sein eigenes Heil zuständig. Er hat jedoch auch und vor allem Verantwortung für das geistige Wohl seines Nächsten. Der Pietist soll, so Francke, „alles, was nach seinem Beruf und Stand möglich ist, zu seiner und anderer Errettung aus dem feuerbrennenden Zorne Gottes getreulich anwenden“. Der Motor der pietistischen Berufsarbeit ist nicht der erhoffte dies- und jenseitige Vorteil, weshalb ja die Anhäufung privaten Reichtums verteufelt wird, sondern der Gemeinnutz. Es ist Franckes ausdrücklicher Wunsch, dass durch „wohlerzogene Untertanen noch viel andere von einem strafbaren Leben werden abgeführet werden“. Indem Francke die Beobachtung und Kontrolle der Mitmenschen zur obersten Bürger- und Christenpflicht adelt, öffnet er nicht nur mit voller Absicht dem Denunziantentum alle Tore. Er legt zugleich das Fundament einer Idee des Gemeinwesens, die für weit mehr als hundert Jahre in Deutschland tonangebend werden sollte, und die fleißig daran mitarbeitete, die Herausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft zu torpedieren. Während sich im puritanischen Arbeitsethos der Bürger der liberalen Ära in seiner doppelten Bestimmung und Einheit aus Bourgeois (der seine Eigeninteressen verfolgende Marktbürger) und Citoyen (der sich dem Funktionieren des Ganzen verpflichtet fühlende Staatsbürger) bereits ankündigt, verweist der Franckesche Pietismus auf etwas anderes. Indem er den Eigennutz als Motiv menschlichen Handelns ablehnt und stattdessen die Ausrichtung des Einzelnen an den Interessen des Staates propagiert, bestimmt er nicht nur einseitig den Bürger als Citoyen und schneidet damit jegliches Potential zur Entstehung einer liberal verfassten Gesellschaft ab. Francke legt mit der Verteufelung rein privater Interessen zugleich einen Grundstein für die deutsche Volksgemeinschaft. Es ist das Credo „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, das eine seiner Wurzeln im preußischen Pietismus hat, und das sich die NSDAP rund 200 Jahre nach Franckes Tod in ihr Programm schrieb. Dort heißt es unter Punkt 10, in bester Franckescher Tradition: „Erste Pflicht jedes Staatsbürgers muss sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muss im Rahmen des Gesamten und zum Nutzen aller erfolgen.“ Den Vorschein auf die deutsche Zwangsgemeinschaft verbildlichte in den 1820er Jahren der preußische Hofbildhauer Christian Daniel Rauch. Sein Franckedenkmal im Lindenhof der Stiftungen zeigt nicht einfach nur Francke und zwei seiner Schüler, die dankbar für die empfangenen Wohltaten zu ihm aufblicken. Es zeigt vielmehr den Stifter als gottgleichen Übervater, der, schützend und drohend zugleich, seine Hände über einen kleinen Knaben und ein kleines Mädchen legt. Die beiden Zöglinge, bronzegewordene Sinnbilder der gehorsamen Untertanen, schauen devot zu ihm auf. Ihre Gesichter sind bar jeglichen Eigensinns und kündigen von der freiwilligen und restlosen Unterordnung ins große Ganze des Staates, der sich, verkörpert durch die Franckefigur, auf Gottes Seite wähnt und für die Menschheit nur geistiges und körperliches Elend und letztlich den Tod bereithält.

 

Francke und der Fall Wolff

 

Es war Franckes größter Widersacher, der sich für das Leben und gegen das geistige und körperliche Elend des Pietismus aussprach, indem er das Streben nach irdischer Vervollkommnung und Glückseligkeit zum obersten Gebot seiner Philosophie erhob. Christian Wolff (1679-1754), seit 1706 Professor für Mathematik und Philosophie an der hallischen Friedrichsuniversität, hatte den Zorn der Pietisten auf sich gezogen, weil er mit seiner theologischen Philosophie – die maßgeblich der europäischen Aufklärung den Boden bereitete – begonnen hatte, an Gottes Thron zu rütteln. Indem Wolff Gott als absolute Vernunft beschrieb, Verstand und Vernunft als göttliche Eigenschaften begriff und den menschlichen Intellekt lediglich graduell vom vollkommenen Intellekt Gottes unterschied, hatte er dem „tätigen Christentum“ Franckes und seiner frömmelnden Ethik den Kampf angesagt. Es waren vor allem die Ansichten des Frühaufklärers über Sinnlichkeit und Lust, die die hallischen Pietisten zur Weißglut trieben. Wolff hatte 1721 in seiner Schrift „Vernünftige Gedanken von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen und insonderheit dem gemeinen Wesen zu Beförderung der Glückseligkeit des menschlichen Geschlechts“ offen Partei für Lust und Sinnlichkeit ergriffen. Er war der Ansicht, „dass alle Lust unschuldig ist und ohne Bedenken kann genossen werden, woferne man verhüten kann, dass sie nichts Missbräuchliches nach sich ziehet“. Vernünftig angewandt solle „die Lust der Sinnen so gebrauchet“ werden, dass „sie mit zur Glückseligkeit des Menschen gerechnet werden“ könne. Dementsprechend bestimmte Wolff dann auch als Aufgabe des Gemeinwesens, die „Glückseligkeit der Menschen“ zu befördern, alles zu „verhüten, was Missvergnügen erwecken kann“ und „für alle Bequemlichkeit“ zu sorgen. Er wollte die Gesellschaft so eingerichtet wissen, „dass man seine Sinne zu belustigen Gelegenheit findet“, und sprach sich daher für die Vermehrung des Luxus aus – für das Anlegen von schönen Parks und Springbrunnen, für den Genuss von Theater- und Opernvorführungen, für elegante Kleidermode, für duftende Parfums, für Essen und Trinken, das nicht nur der Sättigung dienen sollte usw. usf.

 

Als Wolffs Lehren immer populärer wurden und zahlreiche Studenten der Stiftungen begannen, mit diesen zu liebäugeln, setzte Francke alle Hebel in Bewegung, um den „entsetzlichen Verführungen, so in den hiesigen Anstalten mit Gewalt durch seine collegia eingedrungen“, Einhalt zu gebieten. Er entsandte pietistische Kundschafter in Wolffs Vorlesungen, die Wort für Wort mitschreiben sollten, damit Francke „die realen Beweise von seinen gottlosen Lehren“ gegen ihn einsetzen konnte. Als Wolff im Jahr 1721, anlässlich der Übergabe des Rektoramtes an seinen Nachfolger, mit einer Rede die Unabhängigkeit der Sittenlehre von der Offenbahrung behauptete – Wolff hatte anhand chinesischer Schriften nachweisen wollen, dass auch Heiden die Erkenntnis von Gut und Böse teilen können –, fühlten die Pietisten ihre Stunde gekommen. Sie begannen, Wolff offen zu bekämpfen und wollten seinen Einfluss aus der Universität zurückdrängen. Nachdem sie dies zwei Jahre lang erbittert versucht hatten, jedoch aufgrund der Wolffschen Popularität nicht recht zum Ziel gelangen konnten, griff Francke persönlich zur letzten Waffe. In einem Brief an Friedrich Wilhelm I. vom 16. Oktober 1723 bat er, Wolff wegen atheistischer Bestrebungen die philosophischen Vorlesungen zu untersagen. Am 8. November 1723 erließ der König eine Kabinettsorder, die weit über Franckes Forderung hinausreichte. Sie beinhaltete nicht nur den Verlust des Lehrstuhls für Christian Wolff, sondern auch den Befehl an ihn, die Stadt Halle und das Königreich binnen 48 Stunden zu verlassen – sonst müsse er mit der Hinrichtung durch den Strang rechnen. Am 12. November traf die Order in Halle ein. Wolff verließ noch in der gleichen Nacht die Stadt und brach ins kurhessische Marburg auf, für dessen Universität er bereits eine Berufung in den Händen hielt. Francke frohlockte und sah mit der Reaktion des Königs ein Gottesurteil gefällt, weshalb er sich umgehend in einem Brief an seinen Herrn demütig für die Vertreibung des Verhassten bedankte: „Indessen venerieren wir nunmehro Ew. Königl. Maj. ernstliche und sofort effektuierte Ordres mit alleruntertän. Ehrfurcht und Devotion und erkennen des großen Gottes, der Euer Königl. Maj. Herz dahin gelenket, gerechtes Gerichte, sonderlich über Wolffen.“

 

Rettet die Hochstraße!

 

Bei aller Liebäugelei mit dem autoritären Preußen, die in der Zone als seinem ehemaligen Kernland nach wie vor anzutreffen ist, hat man mittlerweile gelernt, dass man nicht mehr besonders opportun ist, strammen Stechschritt, Zucht bei der Kindererziehung und devoten Untertanengeist zu propagieren. Auf der Tagesordnung steht vielmehr eine Verklärung des autoritären preußischen Staates, in die sich die Franckebegeisterung nahtlos einfügt, und die im Preußentum ausschließlich humanistische und freiheitliche Potentiale erkennen will. Es sollte daher auch nicht sonderlich verwundern, dass das Kapitel Wolff von den Francke-Liebhabern der Saalestadt klein gehalten und besonders Franckes Rolle bei der Vertreibung des Frühaufklärers verschämt übergangen wird. Denn schließlich stört ein speichelleckender Denunziant und antiaufklärerischer Vasall des Soldatenkönigs beim Versuch, sich selbigen als Wegbereiter einer vermeintlich weltoffenen und humanistischen Stadt ins lokalpatriotische Geschichtsbewusstsein einzuverleiben. In Pantenius’ Reiseführer ist dann auch nur davon die Rede, dass Wolff „von seinen Gegnern vertrieben“ wurde, ohne dass überhaupt ein Wort darauf verwendet wird, wer diese denn eigentlich waren. Die Dauerausstellungen in den Franckeschen Stiftungen trauen sich zwar nicht, den Kampf zwischen Pietismus und Wolffianismus zu verbergen. Aber auch hier bleibt Franckes persönlicher Anteil unerwähnt. Die Intrige wird verschwiegen und die Vertreibung als Eskalation eines Konfliktes dargestellt, der so etwas wie Verantwortliche erst gar nicht kennen will: „Aus dem anfänglich guten Einvernehmen“, so eine Texttafel, „entwickelten sich aber bald heftige Auseinandersetzungen mit Francke, die ihren Höhepunkt mit der Vertreibung Wolffs aus Preußen im Jahre 1723 fanden.“

 

Da Kritik manchmal auch konstruktiv sein muss, und bei der Gestaltung der Zukunft gelegentlich einer Stadt ruhig einmal auch historischer Raum zurückgegeben werden kann, hier nun ein Vorschlag zum Schluss. Es wäre durchaus im Sinne einer kreativen Stadtentwicklung, die Franckeschen Stiftungen, jenes hallische Schandmal schwarzer Pädagogik, bis auf die Grundmauern abzureißen. An ihrer Stelle wäre ein großflächiger englischer Garten anzulegen, der nicht nur ein Mahnmal für die gequälten Kinder der Anstalten beherbergt, sondern auch ein längst überfälliges Christian-Wolff-Denkmal, der im öffentlichen Bewusstsein der Stadt nach wie vor unterrepräsentiert ist. Dieser Park hätte darüber hinaus zwei unschlagbare Vorteile ästhetischer Natur: Zum einen könnte man, von Süden kommend und ins Stadtzentrum spazierend, endlich das seit Franckes Zeiten unverändert hässliche Glauchaviertel umgehen. Und zum anderen würden die Stiftungen den Blick auf die hallische Hochstraße endlich nicht mehr verstellen.

 

Knut Germar

 

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