Halleforum 15.12.2011

Hochstraße: Hallesche Zukunftspreise vergeben
Studenten hatten sich mit der Verkehrsentwicklung der Zukunft beschäftigt

Braucht man in 15 Jahren die Hochstraße noch? Ist sie unverzichtbar? Oder gibt es Alternativen? Was muss sich stadtorganisatorisch, stadtplanerisch und kommunalpolitisch bis spätestens 2025 ändern, damit Halle sich kreativ weiterentwickelt - sowohl in baulicher, verkehrlicher, kultureller, wirtschaftlicher wie auch sozialer Hinsicht. Das waren Fragestellungen, mit denen sich die Teilnehmer des ersten Halleschen Zukunftspreises der Bürgerinitiative "BI Hochstraße Halle an der Saale e.V." auseinandersetzen mussten.

Mehr als 70 Studierende von acht namhaften deutschsprachigen Hochschulen haben in 15 Teams ihre Beiträge eingereicht. Am Donnerstagvormittag wurden nun im Stadthaus die Sieger gekürt. Drei der Teams erhalten ein Preisgeld von insgesamt 2500 Euro, sieben weitere eine urkundliche "Belobigung" ohne Preisgeld.

Die beiden "Zukunftspreise" gehen an das Team Simon Hänsel / Kai Sternberg von der Fachhochschule Münster sowie an das Team Mariana Boryk / Claude Büechi / Petra Jehring / Wilfried Krammer / Alexandra Mahler-Wings von der Universität Leipzig. Den "Anerkennungspreis" erhält ein Team mit zehn Studierenden der Universität Weimar. Sie alle schlagen mittelfristig zumindest den Abriss einer Brücke vor.

Belobigungen erhalten weitere Teams der Universitäten Weimar und Leipzig, der TU Berlin, der RWTH Aachen und der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Halles Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados sagte anlässlich der Preisverleihung, die Stadtverwaltung werde die Impulse aus dem Zukunftspreis aufgreifen und in die strategischen Überlegungen einbeziehen. Sie lobte die Arbeiten als "junger Blick von Außen." Die Hallenser neigten dazu, in einen Nabelblick zu verfallen.

Einzelheiten zu den Preisträgern:

Wettbewerbsbeitrag ZP12: "Halle - Dichte mobilisieren"
Teilnehmer-Team: Maximilian Hellriegel, Jannis Kühne, Felix Lackus, Nanette Pfeiffer, Michael Reiche, Philipp Rohde, Jens Schulze, Christin Siebert, Tilmann Teske, Matthias Werner (Universität Weimar, Fakultät Architektur)
Der Beitrag wird auf Beschluss der Jury mit dem "Anerkennungspreis" und einem Preisgeld von 500 Euro ausgezeichnet.

Bewertung durch die Jury:
Die Arbeit Halle – Dichte mobilisieren führt uns fiktiv in das Jahr 2025. Die Stadt Halle ist auf dem Weg zu einer anderen Mobilität, dabei steht auch das Problem Hochstraße kurz vor der Entscheidung. Wie bei den anderen Arbeiten auch finden sich zahlreiche in der aktuellen Diskussion stehende Ideen wie Förderung von Fahrrad- und Fußgängerverkehr, Shared Space, E-Bikes und Car-Sharing etc.; aber nur in diesem Beitrag soll ein Zeichen für die sanfte Mobilität gesetzt und der kostenlose öffentliche Nahverkehr und die Nutzung des Wassers als Verkehrstrasse angestrebt werden.
Im analytischen Teil betrachten die Bearbeiter über den eigentlichen Eingriffsbereich hinaus die Stadtstruktur mit ihrer typischen Dichte und schauen konkret auf die Platzfolgen und Verkehrsknotenpunkte in der gesamten Stadt als Rückrat der innerstädtischen Erschließung. Dabei geht es auch um den Glauchaer Platz und den Franckeplatz. Aus dieser breit angelegten Analyse leiten die Bearbeiter eine Synthese ab, in der es eben nicht um den Abriss an sich geht, sondern um die Auseinandersetzung in den Zeitabschnitten 2015 – 2020 – 2025. Der sanfte Einstieg in die sanfte Mobilität erfolgt über eine temporäre Herausnahme des Verkehrs bzw. den partikulären Ausschluss etwa von Lastkraftwagen über eine Sperrung der südlichen Hochstraßentrasse einhergehend mit verkehrlichen Umstrukturierungen; eingestreute Ideen wie Lichtinstallationen veranschaulichen den beabsichtigten Umgang mit dem Bauwerk. Erst in der dritten Phase der Umsetzung wird man sich – in einer Charette (Architektur- Begriff für kreativen Prozess mit visuellem Brainstorming) – mit der Zukunft der Hochstraße befassen. Und jetzt ist noch alles offen zwischen Erhalt bei kreativer Umnutzung, Abbau der südlichen Trasse und Abriss bis auf einige Fragmente, die als Symbole der Moderne erhalten bleiben. Die umfassende Arbeit bietet neben der planerischen Lösung auch einen Baukasten für einzelne Ideen, auf den man sich beim Einstieg in eine sanfte Mobilität durchaus punktuell beziehen kann.

Wettbewerbsbeitrag ZP3: "Halle 2025 - Zukunft ohne Hochstraße"
Teilnehmer-Team: Simon Hänsel, Kai Sternberg (Fachhochschule Münster, Fachbereich Architektur)
Der Beitrag wird auf Beschluss der Jury mit dem "Zukunftspreis" und einem Preisgeld von 1000 Euro ausgezeichnet.

Bewertung durch die Jury:
Die Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass der Stadtraum der Hochstrasse mit seinen Vor- und Nachteilen detailliert aufbereitet wird, um daraus letztlich das Konzept zu entwickeln. Die Hochstrasse ist danach das zentrale Problem für die Stadtstruktur und –entwicklung. Als Stichworte seien genannt bauliche Barriere, Altlast, Störfaktor, Umweltbelastung. Mit dem Bau der Hochstrasse sind folglich auch erhebliche Planungslücken im sonstigen Verkehrserschließungssystem entstanden, die für die Entwicklung der Stadt mit negativen Folgen verbunden sind. Daraus folgt, dass ein Konzept für die Entwicklung von Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, des Stadtraumes und des Verkehrs erforderlich ist. Die Autoren versuchen mit diesem Einstieg einen ganzheitlichen und gut nachvollziehbaren Ansatz zu entwickeln, der auch Realisierungschancen hat. So soll durch Schließung der Lücken im Verkehrssystem durch Schaffung zusätzlicher Verbindungen im Bereich Eislebener Str., B80, B91 und L50 ein Doppelringsystem (Innenstadtring und zweiter Ring mit Saaleübergang) geschaffen werden, durch das alle Stadtteile miteinander verbunden sind. Ergänzend dazu soll der ÖPNV ertüchtigt werden, um das Verkehrsaufkommen des MIV zu verringern. Durch den Abriss der Hochstrasse ergeben sich neue Chancen wie die Schaffung eines Boulevards, die Herstellung von Verbindungen der verschiedenen Plätze und Räume, neue Aufenthaltqualitäten und die Verknüpfung mit den Grünräumen der Saale. Auch die Entwicklungsmöglichkeiten der Stadträume neben der Hochstrasse wie Franckesche Stiftungen, Neuer Moritzzwinger, Quartier am Steg und Glaucha sind kurz und präzise beschrieben worden. Die Arbeit ist in sich schlüssig, hat einen ganzheitlichen Ansatz, ist in den Folgerungen gut abgeleitet und stellt eine Option für eine Realisierung dar.

Wettbewerbsbeitrag ZP6: "Eine Partitur für den bewegten Raum - Halle Hochstraße - Zukunftsmusik an der Saale"
Teilnehmer-Team: Mariana Boryk, Claude Büechi, Petra Jehring, Wilfried Krammer, Alexandra Mahler-Wings (Universität Leipzig, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Institut für Stadtentwicklung und Bauwirtschaft)
Der Beitrag wird auf Beschluss der Jury mit dem "Zukunftspreis" und einem Preisgeld von 1000 Euro ausgezeichnet.

Bewertung durch die Jury:
Die Arbeit "Eine Partitur für den bewegten Raum – Halle Hochstraße – Zukunftsmusik an der Saale" baut auf einer recht anschaulich skizzierten Bestandsaufnahme und -Bewertung auf und entwickelt eine Vision für die Hochstraße und die angrenzenden Stadtgebiete mit Blick auf die Gesamtstadt. In dem Leitbild wird der insbesondere im südlichen Bereich durch die Hochstraße überformte Promenadenring in einer Symbiose aus moderner Technologie und Ökologie, Kunst und Kultur neu interpretiert.
Insbesondere die im Anhang geleistete Darstellung eines Modulsystems und ihrer konkreten Bausteine wie beispielsweise Gestaltung öffentlicher Raum, Verkehrskonzepte, Bauliche Maßnahmen Hochstraße, Szenarien der Weiterentwicklung, Energiegewinnung, Marketing oder Raumaneignung und Identität zeigen die umfassende inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Problem Hochstraße.
Natürlich interessiert am meisten die planerische Vorstellung zum Umgang mit dem Bauwerk. Da ist es durchaus sinnig, dass die Bearbeiter in einem Zwischenschritt die verkehrliche Stilllegung der Südtrasse und für später deren Abbruch vorschlagen. Durch diesen sanften Übergang in Richtung auf eine Halbierung des dominanten Bauwerks führen uns die Bearbeiter zu einem anderen Verkehrsgefühl, ohne gleich die Bagger anrollen zu lassen.
Viel Wert legen die Bearbeiter auf eine grundlegende Neugestaltung des Glauchaer Platzes als zentralem Mobilitätsknoten mit zahlreichen Aktivitäten rund um die Mobilität. Angesichts der vielfältigen Vernetzung spielt es für die Bewertung keine Rolle, welche Aktivitäten letztlich umgesetzt und welche durch andere Ideen ersetzt werden; entscheidend ist die Entschleunigung und Ökologisierung der Hochstraße als mittel- bis langfristiges Ziel (2016- 2020).
Selbst für die Zeit nach 2021 bieten die Bearbeiter unterschiedliche Szenarien für den verbliebenen Teil der Hochstraße; vielleicht wird der nördliche Teil auch noch zurückgebaut. Damit geben die Bearbeiter einen durchaus möglichen Rahmen vor, der mehr als nur einen Kompromiss darstellt. Wahrscheinlich kommen sie der zu erwartenden Entwicklung sogar recht nahe.

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