halleforum 19.12.07

Franckesche Gärten: Da wird uns was übergestülpt
600.000 Euro stehen zur Verfügung, Streit um geplante Vorhaben zwischen Stadt und Franckeschen Stiftungen

(ens) "Balanceakt Doppelstadt" - unter diesem Motto steht die Teilnahme der Stadt Halle (Saale) an der internationalen Bauausstellung IBA 2010. Neustädter Passage, Riebeckplatz und Tulpenbrunnen sind einige der Projekte, die im Rahmen der IBA verwirklicht werden. Auch die Franckeschen Stiftungen sind in das Vorhaben mit einbezogen. Erste Pläne dazu wurden am Dienstag Abend im Freylinghausen-Saal der Franckeschen Stiftungen vorgestellt. Und der hallesche IBA-Projektkoordinator Friedrich Busmann ist sich bewußt, dass hier eine Menge Arbeit wartet. Nun gehe es darum, wie man mit dem "Stadtumbau" vor 40 Jahren umgeht. Damals wurde Halle komplett "umgekrempelt". "Das waren enorme Eingriffe", so Busmann. Nun wolle man den Hallensern das Gelände näher bringen und das Stiftungsgelände mit der Alt- und Innenstadt verknüpfen.

Vor allem den "Roten Weg" als Nord-Süd-Achse durch die Franckeschen Stiftungen will man sich im Rahmen der IBA annehmen. Das Leipziger Planungsbüro "SpielRaumPlanung" hat dazu Entwürfe vorgestellt, die Architektin Almuth Krause am Dienstag vorstellte. Der frühere Feldweg hatte erst mit dem Bau der Hochstraße und der Entstehung des Fußgängertunnels seine heutige Bedeutung erhalten. Nun soll der Weg eine Frischzellenkur bekommen. Noch besteht die Verbindung aus verschiedenen Bodenbelägen, die Breite schwankt zwischen 2 und 5 Metern und durch verwilderte Bäume wird der Blick auf die historischen Gebäude der Franckeschen Stiftungen verhindert. Das will Architektin Krause nun ändern. Künftig soll der Weg 4 m breit sein und auch Radfahrern Platz bieten. Allerdings ist über die endgültige Größe noch keine Entscheidung gefallen. Schaffen will Krause an der Strecke einige Ruhepunkte mit Bänken. Und auch eine Sorge konnte sie interessierten Bürgern nehmen: der Weg wird nicht mit Beton gestaltet.

Doch auch die Plätze entlang des Roten Weges will Krause aufwerten. Wichtigster Punkt ist dabei der Lindenplatz mit dem Francke-Denkmal. Zahlreiche Varianten haben sie und ihre Kollegen des Planungsbüros dafür entwickelt, die drei "Favoriten" stellte Krause am Dienstag vor. Variante 1 sieht neues Pflaster aus Naturstein für den Platz vor, das Francke-Denkmal soll näher an das Pädagogium heranrücken. Markanteste Änderung ist aber die Erhöhung des Platzes. Aus Richtung Fußgänger-Tunnel kommt man künftig über eine Treppe auf den Platz, daneben soll eine kleine Rampe für Rollstuhl- und Fahrradfahrer sowie Kinderwagen entstehen. Im Gestaltungsbeirat gab es große Zustimmung zu dieser Variante. Auch in Variante 2 wird der Platz etwas erhöht, kann aber aus dem Fußgängertunnel heraus weiter durch eine Rampe mit 8-prozentiger Steigung erreicht werden. Die Böschung zur Montessori-Schule soll bepflanzt werden und das Francke-Denkmal in dieser Planung seinen Platz direkt im Lindenhof bekommen. Variante 3 sieht vor, das Francke-Denkmal weiter in Richtung Waisenhaus zu versetzen. Erhalten werden soll dabei auch der komplette Baumbestand. Auch die vorhandene Treppenanlage zum Lindenhof soll erhalten und sogar vergrößert werden. Zum Roten Weg hin öffnen will Krause den Platz vor der Sekundarschule. Dazu soll der Schulzaun verschoben werden. Eine Treppe soll den Zugang zur Schule erleichtern. "Eine Mischung aus Treppen und Sitzstufen", wie Krause erläuterte. Hinzu kommen Sitzmöglichkeiten am Roten Weg und eine Kletterfigur vor dem Schulgelände.

Doch ob das IBA-Projekt wie geplant durchgeführt werden kann, steht in den Sternen. Schärfster Gegner sind die Franckeschen Stiftungen. Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke nannte den Ausbau des Weges die "Schaffung einer weiteren Schnellstraße." Auch mit der geplanten Breite ist er nicht ganz einverstanden und bevorzugt lieber einen schmaleren Weg. Überhaupt hält Müller-Bahlke nicht viel von den Planungen. Statt des wesentlich wichtigeren Bereiches an der Voßstraße mit den Mietskasernen werden die Stiftungen beplant, findet er. "Und damit haben wir ein Problem." Die Franckeschen Stiftungen würden von ihrer Abgeschlossenheit leben, so Müller-Bahlke. Der Stiftungsdirektor ist deshalb (dagegen), noch der mehr Publikumsverkehr auf das Stiftungsgelände zu holen. "Wir sind kein Freizeitpark." Auch ihm sei zwar an einer Verbesserung der Nachbarschaft gelegen. Die Umsetzung der geplanten Vorhaben erfordere aber eine gemeinsame Vertrauensbasis. "Hier sind wir aus Sicht der Stiftungen noch lange nicht." Wichtig sei es dabei, das Profil der Franckeschen Stiftungen zu bewahren. Mit der Verlegung des Francke-Denkmals ist Müller-Bahlke keinesfalls einverstanden. "Das ist ein Stück Identität." Tausende Menschen jährlich würden zum Denkmal pilgern. Denen müsste man dann erklären, warum das Denkmal versetzt wurde.

Er stimme zwar zu, dass die Außengestaltung der Stiftungen noch zu wünschen übrig lässt, so Müller-Bahlke. Aber man sollte Vertrauen in die Stiftungen haben, dass man auch auch dieses Problem angehen werde. Zunächst habe man sich aber erst einmal um den Erhalt der vorhandenen Bausubstanz gekümmert. "Jetzt wird uns einfach von Außen eine Planung übergestülpt nach dem Motto 'Wir wissen es besser'", kritisierte der Stiftungsdirektor. Er regte an, größere Meinungskreise zu befragen. "Auch die Entwürfe unserer eigenen Architekten sollten gehörten werden." Man sei offen in die IBA-Gespräche eingestiegen. "Aber nun wird versucht, Planungen gegen unsere Interessen durchzusetzen." Jochem Lunebach, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung der Stadt Halle (Saale), versuchte ein wenig Schärfe aus der Diskussion zu nehmen. "Das ist nur ein Denkanstoß, wir berühren fremdes Eigentum", so Lunebach. Ob die Planungen tatsächlich so umgesetzt werden, entscheide der Eigentümer. Auch wolle man keine "Rennstrecke" durch das Stiftungsgelände bauen.

Jutta Schnitzer-Ungefug begrüßte die geplante Neugestaltung mit einem einheitlichen Belag. Ein Problem hatte sie hingegen mit der Verschiebung des Francke-Denkmals und fragte nach Meinungen der Denkmalschützer. Den geplanten Wege-Parcours nannte sie eine "Schnaps-Idee". Von der unteren Denkmalbehörde habe man bereits die Zustimmung erhalten, so Friedrich Busmann. Mit dem Parcours unterdessen plane man nichts großes Neues. "Die Wege gibt es schon", so Architektin Krause. Nun solle der Rote Weg nur noch besser mit den anderen Wegen verknüpft werden.

Martin Rosenfeld vom IWH übte Kritik an den geplanten Spielgeräten vor der Sekundarschule. Das sei "Kokolores" und reine Geldverschwendung. Schon nach wenigen Monaten würden die Spielgeräte eh wieder zerstört. Margit Dreißigacker, Schulleiterin der Sekundarschule, hatte dafür kein Verständnis. "Was spricht dagegen, etwas für Kinder zu tun?"

Während der teils heftigen Diskussionen wies IBA-Koordinator Busmann mehrfach auf den Zeitdruck hin. 600.000 Euro würden zur Verfügung stehen. Weil die Auszahlung zeitgebunden ist, müsse das Geld auch im nächsten Jahr ausgegeben werden, sonst gehe es an andere Kommunen. "Wenn wir uns nicht einigen können, dann lassen wir es eben", sagte Busmann ein wenig trotzig. Diesen Weg begrüßte Martin Rosenfeld. "Dann wird das Geld wenigstens in anderen Städten sinnvoll eingesetzt."

FDP-Stadtrat Hans-Dieter Wöllenweber, selbst in den Franckeschen Stiftungen aufgewachsen, beklagte die geplante weitere Öffnung des Stiftungsgeländes. "Der Niedergang der Franckeschen Stiftungen hat mit der Öffnung begonnen", so Wöllenweber. "Das Öffnen widerstrebt mir." Einem anwesenden Bürger platzte nach dieser an diesem Abend mehrfach gehörten Aussage - auch Stiftungsdirektor Müller-Bahlke hob die Abgeschlossenheit hervor - der Kragen. "Dann baut doch eine Mauer drumherum, dann wird es ein Friedhof."

Nach rund zweieinhalb Stunden beendete IBA-Koordinator Friedrich Busmann die Diskussion, die mehrheitlich aus einem Streitgespräch zwischen Stadt und Franckeschen Stiftungen bestand. "Wir stehen vor einer schwierigen Lösung", so Busmann abschließend.

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