Halleforum 26.10.08

Schaut auf zu Glaucha
Stadtteil lud am Samstag zum Entdecken ein, Hinterhofkirche soll versteigert werden, Andrang bei uninformierter Waisenhausbuchhandlung

(ens) Mit einem “Entdeckertag” haben verschiedene Einrichtungen aus Glaucha am Samstag zu ungewöhnlichen Einblicken in einen der historischsten Stadtteile von Halle (Saale) eingeladen. Den Startschuss gab die offizielle Einweihung des Steinwegs. Die Verbindung war in den letzten 7 Monaten für Bauarbeiten unterbrochen, die Straße wurde umfangreich für 5 Mio. Euro saniert. Nach dem Banddurchschnitt von Bürgermeister Thomas Pohlack, Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (kam eine Viertelstunde zu spät), Havag-Vorstand René Pietsch, Verkehrs-Staatssekretär André Schröder und Händler-Vertreter Hans Helbig rollte eine gut gefüllte Gotha-Straßenbahn durch den Steinweg. Einst gehörten diese Trams zum Straßenbild der Stadt, bis sie in den 70ern und 80ern von Tatra-Bahnen abgelöst worden.

1 Million Euro zu Rettung vor dem Verfall

Viel zu tun ist freilich im Stadtteil noch, das hat sich auch bis nach Magdeburg herumgesprochen. Staatssekretär André Schröder vom Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt erklärte denn auch, oft höre man den Namen Glaucha nur im Zusammenhang mit Leerstand und hohem Sanierungsbedarf. Jede dritte Wohnung steht hier leer, viele Häuser verrotten zusehends. Undichte Dächer, ja sogar eingestürzte Zwischendecken sind keine Seltenheit mehr. Dem gilt es entgegenzuwirken, zum Beispiel mit der Internationalen Bauausstellung IBA 2010. 1 Mio. Euro Fördermittel stellt das Land zur Verfügung, um zumindest für eine notdürftige Sanierung zu sorgen. Insgesamt 70 sanierungsbedürftige Häuser gibt es laut Stadtteilmoderator Gernot Lindemann, 40 davon weisen bereits schwerste bauliche Mängel auf.

Damit die Häuser vor einem weiteren Verfall gerettet werden können, soll aber auch das Wächterhaus-Projekt Einzug im Stadtteil halten. Der HausHalten Halle e.V. stellte sich in einer ehemaligen Pizzeria an der Bertramstraße / Schwetschkestraße vor. Das Haus selbst gehört einer Erbengemeinschaft, Durchschnittsalter 82 Jahre und niemand kommt aus Halle. Einer der Erben wohnt sogar in den USA. Das Haus selbst verfällt seit Jahren immer mehr, auch wenn noch zwei Mietparteien hier wohnen. Im Rahmen der IBA soll nun das Wächterhaus hier Einzug halten. Vor allem bei Burgstudenten gibt es eine große Nachfrage nach günstigen Ateliers. Interessant vor allem, weil die Studenten nur Betriebskosten zahlen, sich aber im Gegenzug verpflichten, das Haus zu erhalten. Möglicherweise könnte die alte Pizzeria auch einmal als Galerie für die Burgstudenten dienen. Einen ersten Schritt dahin gab es am Samstag bereits, von halleschen Studenten entworfenes Kinderspielzeug gab es hier zu sehen.

Das Ziel ist klar: Glaucha soll wieder mit zu den schönsten Stadtteilen der Saalestadt gehören. Der erste Schritt ist getan. “Bislang hörte das schöne Halle am Franckeplatz auf”, kommentierte HAVAG-Vorstand René Pietsch. Mit der Sanierung des Steinwegs sei nun ein erster Schritt in eine neue Ära getan. Zwischen Ende März (geplant war Anfang März) und Mitte Oktober (und damit 3 Wochen früher als vorgesehen) wurde der Steinweg saniert. Pietsch wies auf die vielen baulichen Herausforderungen hin, so sei der Steinweg gerade einmal 12 Meter breit, biete somit kaum Platz für schweres Gerät. Die siebenmonatige Unterbrechung habe für die Fahrgäste erhebliche Auswirkungen gehabt. Doch nun gebe es behindertengerechte Haltestellen. “Ein schmucker Weg”, sei es geworden, bilanzierte Staatssekretär Schröder. Und Bürgermeister Pohlack erwartet neuen Schwung für die Geschäftsstraße. “Schaut auf zu Glaucha” sollen die Leute in wenigen Jahren sagen, so die Worte von IBA-Koordinator Friedrich Busmann. Glaucha sei ganz schön gebeutelt, mit dem Bau der Hochstraße zur Randzone geworden. “Wir versuchen hier Leben rein zu bringen.” Ziel sei es, mit wenig Geld viel zu machen. Denn die Zeiten des großen Geldausgebens seien vorbei, so Busmann.

Das älteste Gebäude Glauchas

Etwas verwundert war man in der Waisenhaus-Buchhandlung. Die stand zum einen als “Lippertsche Buchhandlung” auf dem Flyer, war zum anderen gar nicht gefragt worden, ob man sich an dem Aktionstag beteilige. Doch gern zeigte man den interessierten Hallensern die Bohlenstube über den Verkaufsräumen. Allerdings ging es nur in Etappen, längere Wartenzeiten mussten in Kauf genommen werden. Die doch schon sehr marode Zwischendecke hätte den Andrang sonst nicht ausgehalten. Aber Rettung naht für das älteste noch erhaltene Gebäude Glauchas direkt am Eingang des Steinwegs. Erbaut wurde es in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und beherbergte zunächst die berüchtigte Spelunke “Das Räuberschiff“, später in “Glücksschiff“ umbenannt. August Hermann Francke war die Einrichtung ein Dorn im Auge. Und so kaufte er 1706 über einen Strohmann das Haus, brachten hier einen Frauenzimmerstift unter. Seit 1925 residiert her die Waisenhausbuchhandlung, bis dahin im Waisenhaus untergebracht. Die Bohlenstube selbst war bis Mitte der 90er bewohnt, steht seit dem leer. In den 70ern hatte ein Universitätsmitarbeiter Dachziegel besorgt um das Dach abzudichten, so dass es vor einem weiteren Verfall gerettet wurde. Anfang 2009 beginnt die Sanierung des maroden Gebäude. Gespannt sein darf man, wenn 2009 alles fertig ist, ob dann auch das Fachwerk wieder zum Vorschein kommt. Denn die Fliessenfassade zum Steinweg hin bleibt nicht erhalten. Der Hof des Hauses soll künftig als Freisitz für ein Cafe dienen, das im benachbarten Haus Franckeplatz 4 untergebracht wird. Der Wiederaufbau von Franckeplatz 3 ist auch vorgesehen. 2011 soll alles fertig sein. Bis dahin zieht die Buchhandlung in das Francke-Wohnhaus.

Kirche im Hinterhof

Ein ungewöhnliches Bauwerk findet sich in der Jacobstraße 46. Nicht gleich sichtbar, sondern erst nach einem Gang durch die reich verzierte, aber mittlerweile zugemauerte Hofzufahrt. Hier steht eine kleine Kirche, ein Beetsaal. Erbaut wurde es nebst dazugehörigem Gemeindehaus, welches bis 2004 als Wohnhaus diente, in den Jahren 1890/91 nach einem Entwurf des Architekten Franz Klinger. Bis Mitte der 90er wurden die Räumlichkeiten auch noch durch die Neuapostolische Kirche genutzt, bis diese ihren Neubau in den Pfälzer Straße bezog. Das CMS Christliche Missions- und Studentenhaus will die Kirche gern wieder nutzen. Doch in anderthalbjährigen Verhandlungen mit der HWG, dem Hauseigentümer, konnte kein Finanzierungskonzept auf die Beine gestellt werden. Deshalb werden Haus und Kirche nun am 29. November versteigert, Mindestgebot: 30.000 Euro. Müsste man nicht solch einen großen Anteil zur Haushaltskonsolidierung der Stadt beitragen, dann hätte die HWG sich durchaus eine Finanzierung auf eigene Kosten vorstellen können, wie Christian Zeigermann, bei der HWG für den Verkauf zuständig, sagte. Immerhin schließt das Haus direkt an ein HWG-Quartier an.

Glauchas Spitze

Sie sind Glauchas “Spitze”, die beiden noch stehenden Hochhäuser Steg 3 und 5, nachdem Steg 1 bereits vor 3 Jahren fiel. Am Samstag konnten Besucher noch einmal den Ausblick von der Dachterrasse von “Steg 3” genießen und vor allem einen wohl letzten derartigen Blick auf das benachbarte Haus “Steg 5”. Der 1983 erbaute 20-Geschosser wird in einer Woche abgerissen. Hochhaus 3 wird frühestens 2010 folgen. Bis dahin laufen noch die Verträge mit den Antennenbetreibern. Doch bevor es mit dem wackeligen Fahrstuhl bis in die 19. Etage ging und man sich anschließend durch ein WirrWarr aus Gängen und Treppen zu kämpfen hatte, war zunächst Schlagestehen angesagt. Es passen immer nur 8 Menschen in den Fahrstuhl.

Das Treffen der Generationen

Auch an seinem neuen Standort im ehemaligen Zwingerschlößchen wird das Mehrgenerationenhaus gut angenommen. Und es zeigte sich, dass so ein Treffpunkt im Viertel gefehlt hat, am Steg war man wohl doch etwas abseits. Im schönen Innenhof, beleuchtet mit vielen Teelichtern, luden das Mehrgenerationenhaus und der HausHalten Halle e.V. auch zum krönenden Abschluss ein - einer Feuershow mit FuegoPaz.

Was gab es sonst noch?

Zu entdecken galt es den schönsten Innenhof in Glauchas. Der verbirgt sich hinter den Fassaden der Langen Straße, ist mit seinen vielen alten Bäumen und den einen grünen Hügel umlaufenden Wegen ein richtiges Kleinod. Die HWG als Besitzer des Quartiers lockte mit Schlagermusik der Live Time Band, Kinderschminken und Kaffee und Kuchen. In kostümierten Führungen konnte der Altan der Franckeschen Stiftungen erklommen werden. Andrang auch im Depot des Stadtmuseums in der Lerchenfeldstraße. Älteren Hallensern ist das Schützenhaus Glaucha sicher auch noch als Museum gedacht, heute dient es nur noch als Zwischenlagerstätte für das Stadtmuseum. Das Künstlerhaus 188 im Böllberger Weg zeigte die Mitmach-Ausstellung „Vielfalt!“. Zu entdecken gibt es hier eine Menge – Kuscheliges und Kratziges zum anfassen. Im Käfer-Labor können Kinder (und ihre neugierigen Eltern) die artenreichste Tiergruppe erforschen. Und der Raum der Vielfalt lädt dazu ein, verschiedene Erfindungen zuzuordnen – sind sie aus Holz, Hanf oder Erdöl hergestellt. In der St. Georgen-Kirche gab es eine Ausstellung zur Geschichte des Viertels und der Kirche zu sehen. Ausstellungen zur 20jährigen Schulgeschichte wurden im Cantor-Gymnasium (der ehemaligen Tor-Schule) gezeigt. Und Live-Rockmusik gab es vor der Glaucha-Schule. In der ehemaligen Sparkasse präsentierte der Kulturtresor Swingmusik.

Auswertung der Akteure am Abend

(una) Nach der Feuershow hatten die IBA-Verantwortlichen zu einem abschließenden Erfahrungsaustausch alle Akteure eingeladen. Alle waren leider nicht anwesend. Vermisst wurde unter anderem ein Vertreter der HWG. Moderiert wurde die lockere Runde vom IBA-Verantwortlichen Sachsen-Anhalts Herr Stein, unterstützt von den Herren Dr. Fliegner, Herrn Dr.Bussmann und Herrn Lindemann.

Der Verein Haushalten Halle e.V. konnte für diesen Tag ein positives Resümee ziehen. Die kleine Ausstellung von 3 Künstlern (Schmuck, Trickfilm und Fotografie) in der alten Pizzeria konnte sich nicht über Besuchermangel beklagen. Das Interesse zum Thema Wächterhaus war groß. Vorrangig Studenten, die auf der Suche nach preiswerten Arbeits- und Atelierräumen sind, zeigten großes Interesse. Aber auch ältere „Semester“ waren von der Wächterhaus-Idee positiv angetan.

Das Stadtmuseum in der Lerchenfeldstraße verzeichnete rund 150 Besucher. Viele Hallenser identifizieren sich mehr mit dem Inhalt des ehemaligen Museum als mit dem Gebäude selbst. Kustos Ralf Rodewald bekam häufig zu hören, dass die Ausstellung zur Stadtgeschichte von vielen schmerzlich vermisst werde. Mit der Schließung des Museum vor vielen Jahren erfolgte ein deutlich spürbarer Niedergang des Kulturen Lebens im Glauchaviertel.

Der Kulturtresor 21 e.V. mit Sitz in der ehemaligen Sparkasse am Ranischen Platz hatte nur rund 35 Besucher zu verzeichnen. Dabei lag aber das Interesse weniger auf den Tanz Lindy Hop, einer Richtung des Swingtime, so Vereinsvorsitzende Sigrid Redeker. Interessiert wurde sich mehr für das Gebäude an sich.

Positive Bilanz an sich für diesen Aktionstag beim Mehrgenerationshaus. Ein alter Verein an einem neuen Standort. Und es zeigte sich in den wenigen Tagen, dass die Einrichtung von den Glauchaern bisher nicht so richtig angenommen wird.

Das Team von KARO-Architekten konnte ebenfalls eine positive Bilanz ziehen. Der Ansturm auf das Steg-Hochhaus war beachtlich. Waren anfangs hauptsächlich jüngere Menschen unterwegs, ging der Altersdurchschnitt nach der Kaffeezeit deutlich nach oben. Auch die Ausstellungen wurden angenommen.

Herr Klätte berichtete von der (eigentlich) geplanten Rettung der Kirche im Hinterhof der Jakobstraße in Verbindung mit dem Christlichen Missions- und Studentenhaus. Leider hat sich aber die HWG als Eigentümer von dieser Idee verabschiedet und bietet das Objekt nun bei einer Versteigerung im November zum Kauf an. Aber jetzt kennt man nicht nur die Sichtweise der HWG.

Interessant waren die Erfahrungen der Familie Kröger, über die sie als Hausbesitzer in Glaucha und anderen Teilen der Stadt Halle berichten konnten. Für viele der Leerstehenden Häuser würde ein zu hoher Kaufpreis verlangt. Nur wenn dieser aber stimmt, kann auch der Mietpreis Kleingehalten werden. Sie haben jedenfalls keinen Leerstand in ihren vollsanierten Häusern, bei 4 € pro m² verständlich.

Jedenfalls soll im Rahmen der IBA 2010 (und darüber hinaus) eine Belebung für das Glauchaviertel weiter vorangetrieben werden. Ein erster Schritt ist getan, weitere werden folgen. So soll das Netzwerk weiter ausgebaut werden, Nutzer für Wohnungen und Häuser über HausHalten Halle gefunden werden, regelmäßig Erfahrungen und Ergebnisse unter allen Beteiligten ausgewertet werden. Dazu wird eine Agenda über Glaucha erstellt werden.

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