halleforum 28.3.08

Halle als sozialistische Großstadt

Die hallesche Innenstadt verfiel zu DDR-Zeiten. Doch Architekten und Stadtplaner hatten große Pläne. Verwirklicht wurde davon glücklicherweise nur ein Teil. Plattenbauten und Hochhäuser sollten die historischen Gebäude ersetzen.

(ens) Riesige Plattenbauten entlang der Leipziger Straße, Hochhäuser im Steinweg, eine Konzerthalle neben dem Stadtgottesacker und breite Straßenschneisen über die Spitze als Verlängerung des Böllberger Weges. Eine Skizze aus dem Jahr 1969 (siehe unten) macht deutlich: in der DDR waren große und drastische Veränderungen mit der halleschen Innenstadt vorgesehen. Vom historischen Charakter, immerhin blieb die Innenstadt im II. Weltkrieg weitestgehend erhalten, wäre so gut wie nichts mehr erhalten geblieben. Einzelne Fragmente wie Roter Turm, Marktkirche, Moritzburg hätten zwar die radikalen Umbaupläne überstanden. Den vielen Jugendstil-, Gründerzeit- und Barockhäusern, ja teilweise sogar Gebäuden aus dem Mittelalter, drohte hingegen der Abrissbagger. Neue moderne Plattenbauten sollten stattdessen das Bild bestimmen.

Auch breite vierspurige Straßen waren vorgesehen, die den historischen Innenstadtring ersetzen sollten. Gekommen ist es dazu - Denkmalschützer, Touristen und Liebhaber alter Gebäude werden es danken - nicht. Doch der Schaden am historischen Stadtbild Halles nach 40 Jahren DDR war trotzdem enorm. In den 70ern verschwanden in Glaucha und Brunos Warte Teile der Altstadt. Und auch für den restlichen Stadtkern von Halle war schlimmstes zu befürchten, der Verfall schritt immer weiter voran.

25 Jahre AKI

Das Jahr 1983 stellte mit der Gründung des Arbeitskreises Innenstadt (AKI) aber zumindest einen kleinen Wendepunkt dar. "Selbst Hand anlegen, um dem Verfall etwas entgegenzusetzen", lautete die damalige Devise der Initiatoren um Christian Feigl. Sie wollten retten, was zu retten war, kämpften gegen den Abriss denkmalgeschützter Häuser. Eine Verbindung zur zeitgleich im Westen aufkommenden Hausbesetzerszene mochte Feigl aber nicht ziehen. Zwar gebe es durchaus gewisse Parallelen. Doch im Gegensatz zu den Besetzern imWesten habe im Osten keine Politisierung stattgefunden. Und auch ein Kampf um die Häuser musste zunächst nicht stattfinden. Ganze Straßenzüge standen nach Angaben von Feigl in der Innenstadt leer. "Da hat man sich einfach ein Haus genommen." Laut Gotthard Voß, früherer Landeskonservator in Sachsen-Anhalt, ein Kinderspiel. "Niemand hat sich um die Häuser gekümmert, man konnte einfach hinein gehen." Das sei heute wesentlich schwieriger. Den Innenstadt-Kämpfern wurden aber auch durchaus gewisse Freiräume zugestanden, nicht zuletzt durch den damaligen Stadtarchitekten Wulf Brandstädter. Feigl sprach von einem offenen Klima, das der Initiative den Rücken gestärkt habe. Eine Zusammenarbeit wie damals hält Feigl allerdings heute für undenkbar. Und seine Freiräume habe er dabei noch nicht einmal ausgereizt, so Feigl. Das beweise ein Blick in seine Stasi-Akten.

Doch einfach war die Initiativenarbeit bei Weitem nicht. So wollte der AKI Mitte der 80er einen kleinen Baubetrieb für Fachwerksreparaturen gründen. „Das ist aber massiv unterbunden wurden“, beklagte Feige, „wir wurden völlig blockiert, die Initiative ausgebremst.“ Und Mitte der 80er kam es beinahe zum Bruch. Grund war der geplante Abriss der alten Schmiede in der Mansfelder Straße 56 – heute steht hier das MMZ. Das Haus sollte für eine geplante Westtangente als Verlängerung des Böllberger Weges fallen. Feigl hat gekämpft, musste mit Drohungen des damaligen Verkehrs-Stadtrates Horst Weiser leben. Eine einschneidende Erfahrung war für Feigl aber ein Besuch beim Kulturministerium in Berlin. Dort habe man ihm deutlich gemacht, dass man ganz andere Sorgen hat – nämlich die 750-Jahr-Feier von Berlin, die DDR-Hauptstadt sollte glänzen. Immerhin hatten seine Proteste bewirkt, dass das Haus nicht sofort abgerissen wurde. Doch nach rund drei Wochen kam das Aus, in einer Nacht- und Nebelaktion wurde die Schmiede gesprengt. Und Feigl musste wegen seines Protestes zu Aussprachen bei Weiser und dem Ministerium des Innern anrücken. Dabei wurde ihm deutlich gemacht, dass weitere Proteste durchaus im Gefängnis enden könnten.

Begrenzte Mittel im Kampf gegen den Verfall

Von einem Kampf gegen die Zeit mit mehr als begrenzten Mitteln berichtete der frühere Landeskonservator und gebürtige Rostocker Gotthard Voss, der bereits zu DDR-Zeiten für den Denkmalbestand in den Bezirken Halle und Magdeburg zuständig war. Sein Dienstwagen damals: ein Trabant. „Wir hatten viele Aufgaben und wenig Mitarbeiter.“ Trotz aller Bemühungen habe man hilflos zusehen müssen, wie die Innenstädte immer mehr verfielen. „Das war eine unglaubliche Belastung.“ Dabei sei Halle nicht einmal das schlimmste Beispiel gewesen. Noch radikaler wurde in Halberstadt, Stendal und Merseburg vorgegangen. Als Knackpunkt aber auch als Chance erwies sich dabei unter anderem das dreistufige Denkmalsystem in der DDR. Je nach Wichtigkeit des Denkmals waren die Räte der Kreise, der Bezirke oder das Kulturministerium zuständig und entschieden über Abriss oder Erhalt. Vor allem in den Kreisen habe es laut Voß kaum qualifiziertes Personal gegeben. „Wir haben uns deshalb aufgeführt, als hätten wir das Sagen und die Kreisräte nicht eingeschaltet“, berichtete Voß. Dabei war es in der DDR keinesfalls so, dass Reparaturkapazitäten nicht vorhanden waren, selbst einen VEB Baureparatur gab es. „Wir mussten aber viele dieser Kapazitäten nach Berlin abgeben.“ Die Hauptstadt sollte glänzen. Doch die anderen Städte der Republik verfielen zusehends.

In einem Interview mit dem „Neuen Weg“ aus dem Jahr 1983 wird der damalige Stadtarchitekt Wulf Brandstätter mit den Worten zitiert: „Bauen geht uns alle an. Wir müssen Betriebe finden, die den Verfall stoppen.“ Das war auch bitter nötig. Durch die völlig verfehlte Baupolitik und den regelrechten Fanatismus, mit der das Bauen industrialisiert wurde, gingen dutzende Ziegeleien und Handwerksbetriebe ein. Deren Kompetenzen fehlten später, um die historische Bausubstanz zu erhalten. Die Plattenwerke konnten das benötigte Material nicht finden. Ohnehin glaubte man in der DDR, mit den Platten am Stadtrand das Allheilmittel gefunden zu haben.

In den 80ern wurde Halle aber zunehmend interessant, selbst Architekten aus dem Westen kamen in die Saalestadt. Denn es wurde versucht, mit den Plattenbaugebieten nicht mehr in die historisch gewachsenen Städte hineinzubrechen, sondern mit den Platten historische Straßenzüge nachzuempfinden und die Häuser zu „formen“. Als innovativ galt damals vor allem das Baugebiet Brunos Warte und erhielt sogar über die Landesgrenzen hinaus große Anerkennung, weil nicht mehr mit den Neubauten in die Städte „hineingebrochen“ wurde. „Wir hatten damit die Vision zu retten, was zu retten ist oder zumindest einzelne Ecken und Straßenzüge zu erhalten.“

Doch trotz aller Bemühungen ging viel historische Bausubstanz verloren. Immerhin: für einige Häuser gab es auch Rettung. So für das Graseweghaus. Weil sich die Bauarbeiter weigerten, das Haus aus Sicherheitsgründen zu betreten und es abreißen wollten, legten Brandstätter und einige weitere engagierte Hallenser selbst Hand an, sicherten das Haus ab und erhielten es so für die Nachwelt. Doch auch wenn das Graseweghaus gerettet war, drumherum schritt der Verfall fort. Die Plattengebiete fraßen sich immer weiter in den Altstadtkern vor. „Die Wende kam gerade noch zum rechten Zeitpunkt“, bilanzierte Brandstätter. „10 Jahre später, und die Stadtstruktur wäre weitgehend zerstört gewesen.“ Dem wollte Christian Feigl vom AKI nicht ganz folgen. Angesichts der unwiderbringbaren Verluste auch in den Jahren zuvor stellte er fest, dass die Wende 20 bis 30 Jahre zu spät kam. Nach der Wende mussten sich Brandstätter und seine Kollegen immer wieder den Vorwurf gefallen lassen: „wie konntet ihr Eure Städte nur so verfallen lassen.“ Diesen Vorwurf wollte er nicht gelten lassen. Er habe sein Bestmögliches getan. Doch dürfe man nicht vergessen, dass die Mieten mehr einen symbolischen Charakter hatten. „Davon konnten die Häuser nicht erhalten werden.“ Zudem habe in weiten Teilen der Stadtregierung ein gewisser Dogmatismus geherrscht. „Es war ein Unterschied, ob man mit Wirtschafts- oder Kulturverantwortlichen geredet hat.“ Bei der Wirtschaft regierte immer eine Portion Angst, den Plan nicht zu schaffen. „Hier eine freie Hand zu bekommen war schwierig.“

Historisches Haus in der Mittelstraße gerettet

1968 kam die in Gotha geborene Künstlerin Ulli Hamers nach Halle, lebte zunächst in der Taubenstraße in einer Wohnung, die ihr Pfarrer Friedrich Schorlemmer besorgt hatte. Sofort hat sie es sich in der Glauchschen Hinterhofwohnung gemütlich gemacht, Toilette und Bad eingebaut und das Dach abgedichtet. Von ihrem Haus aus konnte Hamers den Bau der Hochstraße verfolgen. Musste mit ansehen, wie die Mauer und die Gärten der Franckeschen Stiftungen verschwanden. Engagiert war Hamers damals wie heute in der Rettung historischer Bausubstanz. Und so hat sie im dunklen Kämmerlein eine Wohnungsbesetzungszentrale gegründet. Dort erhielten Interessierte Tipps, wie sie in leerstehende Häuser einziehen könnten. Hamers hat den in der Regel jungen Leute Mut gemacht in die Häuser zu gehen. "Wichtig war dabei: nicht randalieren und Miete zahlen", so Hamers. Dann sei den Beschäftigten der Wohnungswirtschaft in der Regeln erst nach Jahren aufgefallen, dass etwas nicht stimmen kann. Hamers selbst verließ in den 80ern das Glauchviertel, zog zunächst in die Große Steinstraße, um dann Ende der 80er in der Mittelstraße 3 zu laden.

Doch nach 18 Jahren in dem historischen Haus in der Mittelstraße zog Ulli Hamers ein eher nüchternes Fazit. In den 18 Jahren sei es nicht gelungen, die Eigentumsverhältnisse zu klären. Hamers erhielt deshalb für die Sanierung auch keine Fördermittel, steckte die Einnahmen aus ihrer Galerie in das Haus. Und auch wenn Hamers mittlerweile auf die Unterstützung der ARGE angewiesen ist, bereut hat sie ihr Engagement nicht. Doch bevor sie überhaupt an das damals leerstehende Haus kam, musste Hamers einen steinigen Weg beschreiten. Viele verfallene Häuser, fast schon Ruinen, hat sich die Künstlerin angeschaut. Doch während man selbst zu DDR-Zeiten in anderen Städten alte Häuser kaufen konnte, blieb in Halle dieser Weg versperrt. „Eine Blödsinnigkeit zum Verrücktwerden“, so Hamers. „Überall ging es, nur in Halle nicht.“ Eines Tages stand Hamers vor dem Haus in der Mittelstraße 3. „Die Tür stand offen, also bin ich rein.“ Die Abrissbagger standen bereits um die Ecke, wollten auch das Haus dem Erdboden gleich machen. Doch nach Gesprächen mit der Verwaltung stand für die heutige Galeristin fest: sie kauft das Haus. Doch an ausbauen war erst einmal nicht zu denken. Allein 150 große Container mit Müll mussten zunächst aus dem Haus geräumt werden. Heute erstrahlt ihre Galerie in neuem Glanz, Touristen gehen gern durch die Straße. Doch die Häuserzeile gegenüber – die Mittelstraße 17/18, eines des letzten Fachwerkensembles in Halle – verfällt immer weiter. Blumen und geputzte Fenster – verantwortlich dafür zeichnet sich Ulli Hamers - sollen zwar einen nach Außen hin guten Eindruck aufzeigen. Doch hinter der Fassade ist der Verfall kaum mehr zu stoppen. Die geputzten Scheiben sorgen immerhin bei der GEZ für Interesse. Weil am Klingelschild des seit Jahren leerstehenden Hauses noch ein Name steht, fordert die Gebühreneinzugszentrale immer wieder dazu auf, doch Fernsehen und Radio anzumelden.

Auch mehrere Bürger, zum Teil haben sie früher in Stadtverwaltung und Stadtplanungsamt gearbeitet, meldeten sich zu Wort und gaben einen Einblick in ihre zum Teil sehr schwierige Arbeit. So habe es sogar konkrete Pläne zum Abriss des Roten Turms gegeben. Der damalige Stadtplaner Kunz hätte das 500 Jahre alte Bauwerk als Ruine angesehen, das man eh nicht mehr benötige. Und auch Kontakte zwischen AKI und Stadtverwaltung seien zunächst nicht erwünscht gewesen. Das habe sich erst mit dem Generationenwechsel Anfang der 80er geändert. Ein früherer Komplexbauleiter für das Wohngebiet am Domplatz berichtete von tagelangen Diskussionen, wie die Übergänge von Platte auf Altbau gewährleistet werden können. Versorgungsleitungen zu den Altbauten seien während des Baus der Platten zum Teil einfach gekappt wurden. Zum Teil wochenlang mussten Bewohner dann ohne Gas oder Wasser leben. Und Ralf Penz appellierte an die Verantwortung der Menschen. Die habe zu DDR-Zeiten vielfach gefehlt, niemand fühlte sich für die Häuser zuständig. Oft hätten die Bewohner sogar nachgeholfen und dafür gesorgt das es reinregnet, nur um eine Wohnung mit Warmwasser in Halle-Neustadt zu bekommen.

Halles Innenstadt - Heute und in Zukunft

Doch nicht nur um einen Blick zurück ging es an diesem Abend. Auch um die aktuelle Lage und einen Blick in die Zukunft. Denn auch fast 20 Jahre nach der Wende bietet zum Beispiel die Mittelstraße einen jämmerlichen Anblick. „Diese Häuser dürfen nicht abgerissen werden, sie müssen stehen bleiben“, forderte Brandstätter. „Wir müssen um diese Häuser werben, eine Lobby aufbauen.“

Für manche Häuser kommt diese Aufforderung zu spät. „Ich war erschrocken über den Abriss der Spiegelstraße 6“, so Voß. „Für mich ist es unerklärlich, wie solch ein für den Abschluss des Uniplatzes wichtiges Bauwerk einfach abgerissen werden kann. Einige Reparaturarbeiten hatten an dem Haus schon stattgefunden, berichtete Ralf Penz. Auf einer Seite wurde der Dachstuhl erneuert. Weil sich zwischenzeitlich der Dachstuhl auf der anderen Seite gesenkt hatte, passten die beiden Teile nicht mehr zusammen. Und so überließ man das Haus wieder sich selbst. Penz kritisierte in dem Zusammenhang aber auch den Großteil der Hallenser. „Es gibt keine Bürgermeinung zum Abriss, die Leute nehmen es nicht zur Kenntnis.“ Offenbar werde sich mehr geärgert, wenn ein Spielplatz im Hinterhof nicht gebaut wird. Dem konnte sich Christian Hirte, Leiter des halleschen Stadtmuseums, anschließen. „Auch im Böllberger Weg verfällt alles, aber es interessiert offenbar niemanden.“ Hirte appellierte an das Bürgerengagement. Und Christian Feigl vom AKI ergänzte, in Halle regiere vielfach die Meinung „Hau wech den Scheiß.“

Halles früherer Stadtarchitekt Wulf Brandstätter forderte eine engagiertere Stadtplanung. Die Mitarbeiter müssten mehr in die Öffentlichkeit gehen. Auch müssten wieder Ideen entwickelt werden. „Oberbürgermeisterin Szabados bräuchte drei bis vier Leute, die sich in baulicher Hinsicht auskennen und etwas erreichen wollen. Die gibt es derzeit nicht. Derzeit sei es schwer, sich in der Stadt zu Wort zu melden, bemängelte Brandstätter. "Wir sollten deshalb dazu ermuntern, nicht zu resignieren." Stadtmuseums-Direktor Christian Hirte regte an, einen Appell gegen die Gleichgültigkeit zu starten. Denn die herrscht offenbar auch in Stadtverwaltung und Stadtrat. Niemand der Verantwortlichen war der Einladung zum Gespräch gefolgt.

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