Halleforum 8.5.09

Experten diskutieren über Hochstraßen-Zukunft
Kann Halle mittelfristig auf seine Hochstraße verzichten?

(ens/hjk) Seit 1971 verbindet sie die Alt- mit der Neustadt: die Hochstraße in Halle (Saale). Ein Störfaktor? Genau diesem Thema hat sich am Donnerstag eine Konferenz in der Leopoldina beschäftigt, zu dem die Bürgerinitiative Hochstraße eingeladen hatte. Experten aus Halle, Düsseldorf und Hannover diskutierten dabei über Alternativen zur Hochstraße. Einem „Monstrum“, wie es Architekt Dieter Lehmann sagte.

In seinem Eröffnungsreferat betonte der 1. Vorsitzende der Hochstraßen-Initiative, Dr. Jens Holger Göttner, dass es natürlich das Ziel seiner Initiative sei, die Hochstraße als Störfaktor abzureißen. Aber, und auch das machte er deutlich, man sei eben kein Planungsbüro oder Stadtplanungsamt. Während Amt und Büro die Aufgabe hätten, nach Alternativen zur Hochstraße zu suchen und diese rechtzeitig unter Einschaltung und Mitwirkung der Bevölkerung zu entwickeln, besorge man als Initiative für die öffentliche Diskussion die Experten. Doch alles in allem sein der Abriss eben ein “Mehrgenerationenprojekt.”

Das Thema aufzugreifen sei richtig gewesen, brachte Halles Ex-Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler in ihrem Resümee zum Ausdruck. „Es war sehr aufschlussreich zu hören, dass es Lösungen gibt.“ Nun gelte es die Bevölkerung zu motivieren, sich ebenfalls einzubringen. Dazu müsste deutlich gemacht werden, welche – gerade städtebaulichen – Möglichkeiten ein Abriss bietet. Ausgehend von einer langfristigen Verkehrs- und Stadtentwicklungskonzeption für die Stadt Halle müssten nun Alternativen zur Hochstraße erarbeitet und zu einem günstigen Zeitpunkt- wenn es die Haushaltssituation der Stadt hergibt- auch umzusetzen. Das Konjunkturpaket sei dafür das beste Beispiel - genau für solche Fälle sei es eben gut, Planungen in der Schublade zu haben. “Es gibt im Leben immer günstige Zeitpunkt, wo etwas geht. Ohne Planungen kann man die günstigen Zeitpunkte aber nicht ausnutzen.

Zuvor hielt der Leiter des Stadtplanungsamtes der Stadt Halle, Jochen Lunebach, ein Hauptreferat zum Thema „ Stadtgestaltung und Verkehrsplanung in Halle an der Saale- ein schwieriger Spagat zwischen Wünschenswertem und Machbarem“. Lunebach arbeitete dabei heraus, wie sich die Stadt Halle von 1878 bis 1963 räumlich entwickelt hat. Er zeigte auch auf, wie im ersten komplexen Verkehrsplan 1963 verankert gewesen war, den Durchgangsverkehr auf Tangenten und Ringstraßen und der Schaffung von 4 neuen Saalebrücken um den fast unversehrten Altstadtkern herum zu leiten. Auch war ein S-Bahnring um Halle geplant, der alle geplanten Wohnstandorte erschlossen hätte. Leider fielen diese Planungen dem politischen Eingriff zum Opfer als Halle-Neustadt zur Chefsache erklärt wurde und es 1965-67 zum Bau der Zootrasse und 1967-69 zur Errichtung der Hochstraße nach Halle-Neustadt kam, die noch heute die einzige leistungsfähige Ost-West-Achse darstellt.
Nach der Wende 1989 hatte sich der Motorisierungsgrad der Bevölkerung auf das jetzt konstante Niveau von 435 PKW/ 1000 Einwohner und insgesamt 111.790 PKW gesteigert. Die Fahrten mit dem privaten Autos haben zugenommen, auch die Entwicklung der Schulstandorte hat zu mehr Fahrten beigetragen.

Ungünstig hat sich der gerichtliche Stopp der Ringschließung des Autobahnringes „Mitteldeutsche Schleife“ ausgewirkt . Es wird befürchtet, dass auch das 2. Planfeststellungsverfahren für den A 143-Weiterbau beklagt wird. Mit einer Verringerung des Durchgangsverkehr durch Halle mit der Ringschließung an der A143 rechnet Lunebach aber nicht.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch aufgezeigt, wie Düsseldorf und Hannover ihre Probleme gelöst haben. So wurde in Hannover – ebenfalls nach heftigen Diskussionen – die Aegidientor-Hochstraße abgebrochen. Das Ergebnis: der Verkehr verringerte sich sogar, wie Gerhard Kumm-Dahlmann von Tiefbauamt Hannover erläuterte. Die Düsseldorfer Variante dürfte in Halle schon alleine aus Geldgründen nicht in Betracht gezogen werden – dort wurden drei Hochstraßen durch Tunnel ersetzt, dreistellige Millionensummen verbaut. Ein Tunnel in Halle würde wohl rund 350 Millionen Euro verschlingen. Wie Jochem Lunebach erklärte, wäre zudem eine Erschließung der Innenstadt mit dem Tunnel nicht möglich. Die im vergangenen Jahr gemessenen 45.084 Autos am Tag würden sich, so Lunebach, auf die heute schon überlastete untere Ebene verlagern.

Von heute auf morgen kann man sicher auf die Hochstraße nicht verzichten, da war sich auch Initiativensprecher Hans-Georg Ungefug sicher. Alles in allem brauche man, so Ungefug, 20 bis 30 Bausteine, die vor einem Verzicht auf die Hochstraße umgesetzt werden müssten. Dazu gehören ein weitere Saaleübergang, Verkehrsvermeidung und neue Verkehrsbeziehungen. Zuvor wird noch ein umfassender Diskussionsprozess Vonnöten sein. „Wir kämpfen für mehr sachliche Kenntnisname in der Bevölkerung“, so Initiativensprecher Jens Holger Göttner. Momentan fallen gegenüber der Initiative Beschimpfungen wie „Spinner“ oder „Opas mit zu viel Zeit.“ Alternativen müssen ohnehin in 20 Jahren her. „Dann fällt die Hochstraße bautechnisch zusammen“, so Ungefug. Spätestens dann muss über einen Neubau oder möglicherweise schon neue Fahrtbeziehungen entschieden sein. Vom Rat forderte Ungefug eine Positionieren zur Zukunft der Hochstraße.

Göttner erläuterte noch einmal, dass die Franckeschen Stiftungen der Auslöser für die Gründung der Hochstraßen-BI waren. Die historische Schulstadt hatte mitgeteilt bekommen, dass für eine Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe ein mittelfristiger Verzicht auf die Hochstraße nötig sei.

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