MZ 02.03.2011

Hochstraße
Die Diskussionen um die Zukunft der Trasse zwischen Saline und Waisenhausring gehen weiter, Es wird geprüft, doch die Situation ist kompliziert

Halle
Bröckelnder Asphalt

Bildunterschrift:
Sie meinen, irgendetwas stimmt nicht auf diesem Bild? Stimmt, es zeigt die Hochstraße nach einem Teilabriss - und ist nur eine Montage.

Autor: Michael Falgowski

Welche Zukunft hat die Hochstraße? Die Diskussionen um das 700 Meter lange umstrittenste Erbe der sozialistischen Moderne in Halle verstummen nicht. Beim am Mittwoch stattfindenden Treffen der städtischen Arbeitsgruppe, die über einem Verkehrsentwicklungsplan tüftelt, legt die "Bürgerinitiative Hochstraße" (BI) einen weiteren Vorschlag vor, der den Abriss später möglich machen soll.

Dabei handelt es sich um einen dritten Saaleübergang - und zwar über die Elisabethbrücke an der Mansfelder Straße. Dazu müsste die derzeit verkehrsberuhigte Brücke für den Verkehr geöffnet werden, sowie am Rennbahnkreuz ein Kreisverkehr entstehen. "Das wäre ein kostengünstiger Schritt zum neuen Verkehrskonzept", sagt Ingo Kautz von der Bürgerinitiative. Er sitzt mit am Tisch der Planer. Die frühere Variante eines Übergangs an den Pulverweiden war auf Ablehnung gestoßen, aus finanziellen Gründen, aber auch wegen der Belastung der Anwohner.

"Monströser Hochtodesstreifen"

Seit Jahren kämpft die Bürgerinitiative mit prominenten Unterstützern für den Abriss der Trasse, die das "Zeit"-Feuilleton einen "monströsen Hochtodesstreifen aus Asphalt" nannte. Hans-Dietrich Genscher ist einer dieser Unterstützer: "Ich träume immer wieder einen Traum - die Rollbahn muss weg", sagte der Ex-Außenminister letztes Jahr.

Doch vorerst fehlen jegliche Alternativen zur Hochstraße. Jeden Tag fahren nach Angaben der Stadt 40 000 Autos täglich durch die Innenstadt - Zahlen wie auf einer Autobahn. Die Befürworter der Trasse befürchten deshalb Verkehrschaos und die Trennung von Neu- und Altstadt. Diese Fragen sollen im "Verkehrskonzept 2025" für Halle erörtert werden. In zwei Jahren soll es vorliegen. "Wir brauchen eine langfristige Planung. Wir reden schließlich von 2025", sagt Hans-Georg Ungefug von der BI. Bedingungen für einen Abriss wären die Fertigstellung der A 143, aber auch ein Durchfahrtverbot für Lkw.

Lange Zeit gab es um die Hochstraße kaum Diskussionen. Die Stadtverwaltung berief sich dabei auch auf eine Verkehrszählung im Frühjahr 2009. Danach betrug der Anteil des Durchgangsverkehrs nur zwölf Prozent. Das geringe Transitaufkommen sprach für die Hochstraße, da dann auch der Bau der A 143 den Verkehr nicht entscheidend verringern würde.

Abriss der Südfahrbahn?

Inzwischen hat aber der bauliche Zustand der Hochstraße die Situation verändert. Eigentlich soll das Bauwerk noch rund 35 Jahre stehen. Doch beim Bau der Brücke wurde durch so genannten Sprödbruch gefährdeter Spannstahl verwendet. "Die Konstruktion muss wahrscheinlich in wenigen Jahren saniert werden. Das könnte rund acht Millionen Euro kosten", schätzt Baudezernent Thomas Pohlack. "Wir prüfen deshalb weiter, ob wenigstens der Abriss der Südseite möglich wäre und der Verkehr nach unten verlegt werden kann. Durch die fehlenden Brückenpfeiler wäre mehr Platz." Der "Zielverkehr" könnte über den Altstadtring geleitet werden.

Gegen die jüngste Forderung der Bürgerinitiative nach der Öffnung der Mansfelder Straße regt sich aber Widerstand. Der Verkehrsclub VCD kritisiert, dass der Abfluss des Verkehrs in Richtung Altstadt nur unzureichend berücksichtigt wurde.

Kasten:

Die "Bürgerinitiative Hochstraße" will seit 2006 die Trasse nach Neustadt durch weniger störende Verkehrswege ersetzen. Der Verein hat 70 Mitglieder und rund 100 prominente Unterstützer. Sie wollen den geplanten Antrag auf einen Weltkulturerbe-Status der Franckeschen Stiftungen unterstützen. Als "Förderer einer kreativen Stadtentwicklung" hat die Bürgerinitiative einen Ideenwettbewerb ausgerufen: "Stadtentwicklung 2025". Bisher beteiligen sich fünf Hochschulen in Deutschland und der Schweiz. Jurymitglied ist Volkwin Marg, einer der renommiertesten deutschen Architekten.

Kommentar:

Michael Falgowski meint, dass es jeden Versuch lohnt, die hässliche Hochstraße loszuwerden.

Die Existenz der Hochstraße schien auf Jahrzehnte hinaus gesetzt, in tiefe Fundamente. Schön finden die Trasse zwar die Wenigsten. Doch um Schönheit geht es auch nicht. Wichtiger ist erstens die Frage: Wo sollen die Autos denn sonst fahren? und zweitens: Was soll das alles kosten?

Darauf erntete man bis vor kurzem nur Schulterzucken. Weil auf diese Frage Antworten fehlen, wurden alle Ideen, den baulichen Status Quo zu ändern, abgeblockt. und das in einer Stadt, deren letztes Verkehrskonzept 1997 verabschiedet wurde. Auch heute noch schütteln die meisten Hallenser den Kopf über diese Abriss-Idee.

Doch so abwegig ist sie gar nicht mehr. Denn die Situation hat sich verändert: Neustadt schrumpft, die Westumfahrung Halles wird irgendwann fertig, die Straßenbahn verbindet die Doppelstadt und die Hochstraße muss bald teuer saniert werden. Und deswegen darf es keine Tabus mehr bei dem Versuch geben, diese hässliche Straße loszuwerden.

Das sehen offenbar immer mehr Hallenser so: Für den Teilabriss der Hochstraße votierten bei einer Umfrage der MZ im Internet 58 Prozent.

Info-Artikel:

Bis zu zehn Meter hoch und je zehn Meter breit stehen die beiden Fahrbahnen auf 18 beziehungsweise 19 Pfeilern. In nur drei Jahren wurden die 700 Meter durch die Altstadt getrieben. 1971 wurde die Trasse schließlich eröffnet. In Rekordzeit wurde das Großprojekt verwirklicht, das die Doppelstadt miteinender verband. 1963 hatte die DDR-Führung entschieden, Halle zum Zentrum der ostdeutschen Chemieindustrie zu machen und dafür die Chemiearbeiterstadt Halle-West-, die später Neustadt hieß, zu bauen.

Die Hochstraße bot die ampelfreie Fahrt vom Rennbahnkreuz bis zum ebenfalls ausgebauten Riebeckplatz in Halle sowie die kürzeste und direkteste Anbindung an den Stadtkern. Die große Geste war gewollt: "Sie war ein triumphales Zeichen gegen die bürgerliche alte Stadt", heißt es in einer Broschüre der Stadt zur Internationalen Bauausstellung 2010 in Halle. Im Original klang das 1967 so: "Wir sind dabei, die unseligen Spuren der Riebecks zu verwischen", hieß es in einer Mitteilung der SED-Stadtleitung und der Zeitung "Freiheit".

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