MZ 13.9.10

Hochstraße Halle
Freie Sicht auf die Stiftungen

JUBILÄUM Ex-Außenminister Genscher spricht sich bei Wiederaufbau-Fest für den Abriss der Hochstraße aus. Stadt kündigt Konzept mit einer Fahrbahn an.

Autorin: Heidi Pohle

"Ich habe einen Traum, den ich immer wieder träume - diese Rollbahn muss weg." Einen prominenteren Fürsprecher für den Abriss der Hochstraße als Hans-Dietrich Genscher gibt es derzeit kaum. Der Ex-Außenminister und Ehrenbürger Halles hatte es sich Samstag nicht nehmen lassen, die Festansprache anlässlich des Wiederaufbaus der Franckeschen Stiftungen zu halten, der vor 20 Jahren begonnen hatte. Der Beifall der Gäste im Freylinghausensaal war dem Mann, der nach der Wende Kuratoriums-Chef der Stiftungen war, für seinen Vorstoß gewiss.

Zuvor hatte auch Halles Bürgermeister Thomas Pohlack das Thema angesprochen und - sozusagen als Jubiläums-Geschenk der Stadt -, versprochen, mittelfristig ein Konzept zu erarbeiten, um zumindest auf die südliche Fahrbahn der Trasse verzichten zu können. Hintergrund ist, dass die Stiftungen als Denkmal Deutscher Kulturgeschichte zwar seit 15 Jahren auf der Vorschlagsliste für das Unesco-Welterbe stehen. Eine echte Chance auf diesen Titel gibt es jedoch nur ohne die Hochstraße. "Wir müssen für das Welterbe etwas tun", sagte Pohlack denn auch, der noch ein weiteres Präsent übergab - die Wiese vor dem Waisenhaus, die nun den Stiftungen gehört.

In der von August Hermann Francke (1663-1727) gegründeten historischen Schulstadt leben, lernen und arbeiten derzeit rund 4 000 Menschen; tausende Touristen besuchen alljährlich einmalige Sammlungen wie die Kunst- und Naturalienkammer und die Historische Bibliothek. Insgesamt flossen seit der Wende rund 100 Millionen Euro in die damals völlig maroden Gebäude. 30 Millionen werden derzeit verbaut, 20 Millionen fehlen jedoch noch, um das gesamte Ensemble dauerhaft zu sichern.

Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) hatte zwar keinen Scheck dabei. In seinem Grußwort bekannte er sich aber zum "Markenzeichen Franckesche Stiftungen" und meinte im Hinblick auf die Finanzierungs-Lücke: "Das sind Aufgaben, die lösbar sind." Unterstützungs-Signale für das einzigartige Pietismus-Zeugnis kamen auch vom Bund. In Vertretung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann versprach Ingeborg Berggreen-Merkel: "Wir werden die Stiftungen weiterhin fördern."

Das war Musik vor allem in den Ohren jenes Mannes, ohne den es die rund 300 Jahre alte Schulstadt nicht mehr geben würde - Paul Raabe, den Wiedergründungs-Direktor der Stiftungen. Er wünsche sich nichts sehnlicher, als dass das, was er einst begann, dauerhaft bestehen möge.

Einen Eindruck von dem, was er und seine Mitstreiter in den vergangenen 20 Jahren geleistet haben, bekamen die Gäste im Lindenhof. Dort wurden die Fassaden mit Hilfe modernster Lichttechnik zur Leinwand und erinnerten sowohl an Franckes Zeiten, wo Waisenkindern Bildung erhielten, als auch an die Jahre des Verfalls - und des Wiederaufbaus. "Die Wende hätte nicht ein Jahr, nicht einen Monat später kommen dürfen", bemerkte eine Besucherin nach dem Film. Eine Meinung, die sie mit vielen Jubiläumsgästen teilte.

Kommentar:

Reale Chance

Halle mit einem Weltkultur-Erbe, den Franckeschen Stiftungen - allein die Vorstellung ist ein aufregender Gedanke, ganz zu schweigen, wenn er denn wahr würde. Das Ensemble gehört dann in eine Reihe mit dem Schloss Versailles, der Athener Akropolis, der Freiheitsstatue in den USA oder den Kölner Dom.

Den Welterbe-Titel gibt es jedoch nur ohne Hochstraße, die direkt an den Stiftungen entlang führt. Eine Bürger-Initiative wirbt für den Abriss, der bei den Hallensern stark umstritten ist. Auch Genscher ist für den Total-Abbruch; jetzt will die Stadt eine Variante mit einer Fahrbahn erarbeiten. Angesichts tausender Autos kann man sich kaum vorstellen, ohne die Trasse auskommen zu können. Doch das ist kein Argument Pro-Hochstraße, die zudem die Altstadt von Glaucha trennt und schon recht marode ist. Verkehrstechnisch ist heute vieles möglich. So sollte gleich eine Alternative erarbeitet werden, die ganz ohne die Trasse auskommt. Nur einen Teil abzureißen, ist zwar ein Kompromiss, der aber das Problem nicht löst. Es ist schon aus so mancher Utopie Realität geworden, man muss ihr nur eine reale Chance geben.

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