MZ 21.9.10

Der Plan für ein Schulkombinat
Entdeckung. Projekt sah zu DDR-Zeiten vor, in den Franckeschen Stiftungen 3000 Kinder zu unterrichten

(auch Hinweise auf Unterlagen zur Hochstraße)

 Autorin: Heidi Jürgens

Die Franckeschen Stiftungen sind in den 70er Jahren nur knapp einem großen Teilabriss entgangen. Das zeigen jetzt entdeckte Pläne aus DDR-Zeiten. Historische Gebäude sollten einem Schulkombinat mit gigantischen Ausmaßen weichen. Geplant waren mehrere Unterrichtshäuser für etwa 3 000 Schüler aus dem Einzugsbereich der halleschen Altstadt. Dazu mehrere Turnhallen, ein Sportplatz, ein Gebäude für die zentrale Schulspeisung und eines für die Weiterbildung von Lehrern. Und schließlich noch eine Buchhandlung, in der alle pädagogische Fachliteratur zu haben sein sollte. Kurz: ein Referenzobjekt - einzigartig in der DDR.

Modelle sind verschwunden

Geplant wurde der Komplex an der Technischen Universität Dresden Anfang der siebziger Jahre unter Federführung von Helmut Trauzettel, der als führender Architekt auf dem Gebiet der Gesellschaftsbauten in der DDR gilt. Entstehen sollte das alles südlich des Lindenhofs. Etliche Gebäude von Franckes Schulstadt wären dem Vorhaben zum Opfer gefallen.

Das zumindest geht aus Schriftstücken und einer Planzeichnung hervor, die Friederike Lippold, wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Stiftungen, im Leibnitzinstitut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner bei Berlin entdeckt hat. Passend zum Themenjahr "Halle verändert" ist die Zeichnung in der Jahresschau zu sehen, die die Entwicklung der Schulstadt darstellt.

"Meine Aufgabe war", so Lippold, "die DDR-Zeit zu beleuchten." Das sei nicht einfach gewesen. "Während es von damals viele Bau-Unterlagen zu Hochstraße, Riebeckplatz oder Neustadt gibt, sieht es bei den Stiftungen anders aus." Der Tipp, nach Erkner zu fahren, kam von Holger Zaunstöck, dem Kurator der Schau. "Ich wusste, dass Albrecht Wiesener vom Zentrum für zeithistorische Forschungen Potsdam eine Doktorarbeit zu Neustadt geschrieben hat. Er meinte, es gäbe in Erkner Unterlagen zu Stadtentwicklungsplänen für Halle," so Zaunstöck.

Lippold wurde in Erkner tatsächlich fündig. Die Besucher der Ausstellung können nun sehen, welche Ausmaße das Vorhaben hatte. Allerdings nur auf einer Zeichnung. "Es muss aber auch Modelle gegeben haben", sagt Lippold. "Doch die haben wir nirgends gefunden. Obwohl Fotos, die in den 70er Jahren anlässlich einer Ausstellung in den Peißnitzhallen gemacht wurden, Teile der Modelle zeigen."

Dass die gigantischen Pläne nie umgesetzt wurden, lag nach Ansicht von Lippold und Zaunstöck an den politischen Umständen und daran, dass gleich mehrere Instanzen zuständig waren für alles, was in den Stiftungen passierte. "Es gab keinen Verwaltungsleiter, um die ständig wachsende Zahl der beteiligten Entscheidungsträger und staatlichen Stellen zu koordinieren", so Lippold. "Ministerien, die Uni, die Abteilungen Volksbildung und Kultur des Rates der Stadt, das Institut für Denkmalspflege - alle redeten mit.

Reduktion auf eine Schule

Mit dem Wechsel des Staatsratsvorsitzes von Ulbricht zu Honecker und dem Fünfjahrplan 1971 bis 1975 rückte zudem der kostengünstige Wohnungsbau ins Zentrum des Interesses. So wurde statt des ursprünglich vorgesehenen weiträumigen Abrisses in Glaucha der Wohnungsbau auf unbebautem Gebiet um die Voßstraße in die Wege geleitet. Und die hoch fliegenden Pläne vom Schulkombinat in den Stiftungen schrumpften auf eine zweizügige Polytechnische Oberschule.

Jahresausstellung bis 3. Oktober; dienstags bis sonntags jeweils 10 bis 17 Uhr.

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