25.06.2011

Die Wutbürger von Halle
MZ-Podiumsdiskussion. Auf dem Markt wurde am Freitag über die Zukunft der Hochstraße öffentlich und sehr emotional gestritten.

Autor: Michael Falgowski

Beifall, wütende Kommentare, lauter Protest - bei der ersten öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Hochstraße kochten am Freitag die Emotionen hoch. Abriss oder nicht? Rund 100 Hallenser sammelten sich auf dem Markt am Stand der Mitteldeutschen Zeitung, um ein Streitgespräch zu verfolgen, in dem die Positionen der drei Protagonisten auf der Bühne eigentlich schon lange bekannt waren - und bei dem die Wucht der Debatte deshalb überraschte. Für Reiner Halle vom Bürgerverein "Stadtgeschichte", der für den Erhalt der in die Innenstadt gebrochenen Stelzen-Trasse kämpft, ist dies "eine Hoffnung für die Lebensfähigkeit unserer Stadt". Für Hans-Georg Ungefug vom "Hochstraßenverein", dessen Mitglieder die Vision von einer Altstadt ohne Hochstraße haben, ist die Trasse schlicht ein "kultureller Störfaktor, der die Stadt teilt".

Und die Kommune? Die hielt sich am Freitag auf dem Podium aus der Diskussion mehr oder weniger heraus. "Einerseits ist die Hochstraße sicher ein städtebaulicher Missstand", sagte Halles Noch-Baudezernent Thomas Pohlack. "Aber andererseits auch eine Lebensader." Abreißen könne man die Verbindung von Halle und Neustadt ohnehin nur mit einer wirklichen Alternative. Er könne sich aber nicht vorstellen, so Pohlack, dass es die Hochstraße in zehn Jahren nicht mehr gebe. Und der vieldiskutierte Teilabriss der Südseite? Den hatte Pohlack bei einer Festveranstaltung der Franckeschen Stiftungen vor geraumer Zeit selbst ins Spiel gebracht - Hans-Dietrich Genscher hatte laut geklatscht. Davon war am Freitag keine Rede. "Die Prüfung läuft noch. Aber es gibt keine vorweisbaren Ergebnisse", so Pohlack.

Schnell fanden sich die drei Akteure in der von MZ-Lokalchef Gert Glowinski moderierten dreiviertelstündigen Diskussion mit den Reaktionen einer emotionalisierten Menge konfrontiert. Wobei Abrissbefürworter Ungefug den schwereren Stand hatte. Denn für das Auftauchen des bisher selten gesehenen halleschen "Wutbürgers" am Freitag sorgte die übergroße Mehrheit der Hochstraßenbefürworter. Die bestand fast ausschließlich aus Männern im Rentenalter.

"Wir wollen die Hochstraße nicht auf der Stelle abreißen, sondern einen Prozess in Gang setzen, der in 35 Jahren, wenn die Brücke endgültig verschlissen sein wird, in einem Abriss münden kann", so Ungefug. Reiner Halle und sein Anhang ließen das nicht gelten. Für ihn steht die Trasse, an deren Bau er vor mehr als 40 Jahren mitwirkte, schlicht nicht zur Disposition.

"Die Hochstraße teilt die Stadt nicht, sondern sie verbindet sie." Nicht nur Neustadt und Halle, sondern auch Alt- und Südstadt, "denn wenn die Autos auf der unteren Ebene fahren - das wäre dann eine wirkliche Grenze", so Halle. "Man sollte einfach die Hallenser entscheiden lasen. Der Sinn an dieser Diskussion heute ist doch, dass endlich einmal die Bevölkerung beteiligt wird." Und zwar, so Halle, auch jene 48 000 Hallenser, die täglich die Hochstraße nutzen. Auf der habe der Verkehr im vergangenen Jahr sogar zugenommen. Zudem sei der Motorisierungsgrad in Halle nicht so hoch wie anderswo. Er liege bei 418 Autos pro 1 000 Einwohner, in Magdeburg seien es 480. Kurz: Es gebe keine Alternative zu der Trasse. Denn damit würden immer nur andere Stadtteile belastet. Baudezernent Pohlack sah das ähnlich: "1997 wurden zwar Trassen für Alternativen festgelegt und auch freigehalten. Aber keine ist heute realistisch."

Dass Abriss-Befürworter Ungefug den Mitgliedern der Bürgerinitiative "Stadtgeschichte" - wie sich selbst auch - die fachliche Kompetenz absprach und externe Planungsbüros forderte, die Alternativen emotionslos prüfen könnten, sorgte für wütende Proteste. Halle konterte in Richtung Ungefug: "Mehr als die Hälfte der Mitglieder ihrer Initiative kommt doch gar nicht aus Halle." Was lang anhaltenden Beifall auslöste.

Ungefug warf im Laufe der Diskussion den "pöbelnden" Zuhörern - viele waren seinerzeit am Bau der Hochstraße beteiligt - "bautechnische Nostalgie" vor. Ein "schönes sozialistisches Bauwerk" solle erhalten bleiben. Und genau das war der Punkt, an dem die Situation beinahe eskaliert wäre. Was aber nicht geschah.

Kommentar:

Gert Glowinski findet eine öffentliche Debatte um die Zukunft der Hochstraße gerade jetzt angebracht.

Stellung beziehen

Erstmals ist gestern auf dem halleschen Marktplatz öffentlich über die Zukunft der Hochstraße nach Neustadt diskutiert worden. Eines wurde dabei schnell klar: Kaum ein Thema ruft derzeit so viele Emotionen hervor. Die einen sehen in der Trasse eine unverzichtbare Verkehrsader, die anderen einen städtebaulichen Missstand, der beseitigt werden muss.

Über Alternativen zur Hochstraße nachzudenken, ist nicht falsch - im Gegenteil. Deswegen ist eine breite Debatte über die Hochstraße richtig und wichtig. Diese Diskussion nur den zwei Bürgerinitiativen zu überlassen, kann keine Lösung sein. Auch die Stadt muss Stellung beziehen. Der neu gewählte Baudezernent Uwe Stäglin wird um das Thema so schnell nicht herumkommen. Jetzt werden nämlich die Weichen dafür gestellt, was in 20 oder mehr Jahren aus der Hochstraße wird.

Mit Sicherheit wird das auch im bevorstehenden Oberbürgermeister-Wahlkampf eine große Rolle spielen. Man darf gespannt sein, wer dann den Mut hat, dieses heiße Eisen anzufassen. Und wer sich die Finger daran verbrennt.

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