MZ 26.5.10

Picknick auf der Hochstraße
IBA-Serie - Zwei Orte, eine Stadt: Halles Beitrag zur Internationalen Bauausstellung ist der "Balanceakt Doppelstadt". Die Akzente haben sich verschoben.

Autor: Günter Kowa

Stadtumbau wird nirgends so lustvoll zelebriert wie beim halleschen Beitrag zu Sachsen-Anhalts Internationaler Bauausstellung (IBA). Kinder wirbeln auf der Skaterbahn in Halle-Neustadt, Kanuten steuern den neuen Saline-Bootssteg an. Auf Höfen, Brachen und in "Halles hässlichster Straße" im Stadtteil Glaucha wird Theater gespielt und Kunst inszeniert, den Auftakt dazu macht an diesem Sonntag das Picknick auf der Hochstraße.

Symbolträchtiger kann man den "Balanceakt Doppelstadt" kaum in Szene setzen. Für Halles IBA-Motto ist die Hochstraße Sinnbild, Rückgrat und Zankapfel. Sie ist Teil der Magistrale, die 1968 vom Bahnhof nach Neustadt gezogen wurde. Im Begriff "Doppelstadt" steckt die These der Initiatoren, die Altstadt und ihre industriezeitlichen Erweiterungen stünden auf einer Stufe mit der sozialistischen Planstadt aus dem Geist der Moderne, Halle-Neustadt. In der Absicht, Bindeglieder zu stärken, dockte die IBA Projekte entlang der Magistrale an.

Die Projekte sind da - die "Franckeschen Gärten", die Quartiersbelebung von Glaucha, der Ausbau der Saline-Insel sowie in Neustadt die Umgestaltung des Quartiers "Am Tulpenbrunnen" und die Skaterbahn. Verschoben aber haben sich die Akzente. "Balance", heißt es auf den IBA-Seiten der Stadt, "muss nicht gleichstark heißen."

Der Sinneswandel erklärt sich mit der Person des IBA-Koordinators. Für diesen Posten holte die Stadt im September 2007 ihren ehemaligen Planungschef Friedrich Busmann zurück. Halles IBA-Projekt stand damals auf der Kippe, im Planungsamt wechselte das leitende Personal, es gab Meinungsverschiedenheiten mit den IBA-Büros in Dessau und Magdeburg.

Busmanns Wahl entbehrt nicht der Ironie. Derselbe Planungschef, der bis 1997 einer Strategie der stadtteilorientierten Sanierung folgte und zum Beispiel die Neustadt ans Straßenbahnnetz anschloss, sagt jetzt: "Wir haben versucht, Realismus hereinzubringen". Kein Wunder, denn er hat seine Lektion Demografie gelernt.

Im Jahr 2000 gehörte er zur Kommission, die mit ihrem Report zum ostdeutschen Wohnungsüberschuss das Förderprogramm "Stadtumbau Ost" auslöste. 2006 hat er in der Ausstellung "Wandel-Halle" Visionen von der "Waldstadt" ausgebreitet. Die Stadt kennt die prekäre Lage genau. Der Stadtentwicklungsplan von 2007 nennt Zahlen: Von 100 Einwohnern in Neustadt im Jahr 1999 sind heute je nach Bezirk zwischen 51 und 66 übrig, die Arbeitslosigkeit hält sich bei 25 Prozent, der Leerstand trotz Abbrüchen bei 20 Prozent.

30 Jahre lang war Halle-Neustadt eine eigenständige Kommune gewesen. Diese Tatsache verinnerlichen viele Neustädter bis heute, 20 Jahre nach der freiwilligen Eingemeindung, aber sie wird auch hochgehalten von Erbebewahrern der Moderne. Das Bauhaus forderte gar den Denkmalschutz für die einstige Chemiearbeiterstadt und ihr Raster aus Plattenbauriegeln, ihre geordneten Funktionszonen und ihre städtebaulichen Symbole - die Scheibenhäuser im Zentrum zum Beispiel, aber auch andere Zeugen schroffer Selbstbehauptung gegenüber der Bürgerstadt, die Hochstraße und die Hochhäuser am Riebeck-, damals Thälmannplatz.

Mittlerweile wird über diese Hervorbringungen eine Abrissdiskussion geführt, in der sich ökonomische und funktionale Sachargumente mit ostalgischer Verklärung unauflöslich vermengen. Die IBA unter Busmann hat aber mit gut vorbereiteten und publizistisch begleiteten Podien für einen ergebnisoffenen, transparenten und bürgernahen Prozess der Willensbildung gesorgt. Abrissfragen sind nicht mehr alles, wenn auch im Fall der Riebeckhochhäuser entschieden. Zur Hochstraße machte Baudezernent Thomas Pohlack einen überraschenden Vorschlag: Von den zwei Paralleltrassen erst einmal eine abzureißen.

Und das Land? Ausgerechnet der Initiator etlicher Förderprogramme diskutiert in der "Doppelstadt"-IBA die Zukunft von Halle-Neustadt nicht. "Das ist nicht IBA-like", kritisiert Busmann. Und da die Landesregierung den Plan aufgab, in einem "Scheibenhaus" das Finanzamt unterzubringen, ist auch für das Neustadt-Zentrum Abriss kein Tabu mehr.

Die Neustadt gleichwertig zur Altstadt zu sehen und als Ganzes zu halten, sagt Busmann "war ein Expertenkonsens, aber kein kommunalpolitisches Thema". Die einzelnen Projekte aber sind es sehr wohl. Es geht um Menschen und nicht um Symbole: Das zeigt das erstaunlich konfliktfreie Treiben auf der Skaterbahn, die Halle-Neustadt zu einer angesagten Adresse für Jugendliche macht. "Am Tulpenbrunnen" haben Anwohner bei der Gestaltung mitgewirkt, in der Nähe werden Wohnblocks mit Gärten und Balkonen umgebaut.

In Glaucha wiederum agiert der Architekt Gernot Lindemann als "Eigentümer-Moderator" - eine vorbildhafte IBA-Erfindung wenn es je eine gab. Er verwaltet einen Fördertopf für Sicherungsmaßnahmen, der privaten Bauherrn Anreize gibt, ihr Eigentum aufzumöbeln. Der massive Leerstand schwindet ebenso wie der schlechte Ruf des Viertels.

Begrenzte Mittel, gezielt eingesetzt, haben große Wirkung gezeigt. Aber der Löwenanteil der halleschen IBA-Investitonen, 4,3 Millionen Euro, ist dorthin geflossen, wo nun tatsächlich ein Bindeglied entsteht, auf der Saline-Insel. Wenn 2011 die geplante Fußgängerbrücke fertig ist, wird ein Park aus der Innenstadt zu Fuß erreichbar sein, der auf einem abseitigen, von der Natur zurückeroberten Industriegelände entsteht - genau in der Mitte von Alt- und Neustadt.

Von der Waisenhausapotheke bis zum Rennbahnring - eine Strecke von drei Kilometern - wird die vierspurige hallesche Magistrale an diesem Sonntag von 14 bis 22 Uhr für den Autoverkehr gesperrt und für Fußgänger geöffnet. Höhepunkt dieser "Hoch-Zeit" soll eine Stadtwette sein: Wetten, dass sich 3 410 Hallenser ab 15 Uhr für den 200 Meter langen Schriftzug "HALLE SAALE" auf Höhe des Wohn-Centrums Lührmann einfinden? Ab 15 Uhr lassen sich Heiratswillige in der Hochzeitskutsche auf die Hochstraße kutschieren und im Hochzeits-Pavillon auf Höhe Franckesche Stiftungen standesamtlich trauen.

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