MZ 28.4.09

Kameras erfassen den Durchgangsverkehr

Erhebung
Am 6. Mai wird an 17 Standorten gezählt, wer in die Stadt rein- und wieder rausfährt. Auch Hochstraße ist Messpunkt
 

VON MICHAEL TEMPEL

 

HALLE/MZ. Mit einer landesweit bislang einzigartigen Verkehrszählung will die Stadt Halle den Durchgangsverkehr erfassen. Dazu werden am 6. Mai, einem Mittwoch, an insgesamt 17 Messpunkten - vorrangig an Stadteinfahrten und -ausfahrten - Videokameras installiert. Eine Zählstelle wird auch auf der Hochstraße eingerichtet (siehe Grafik). Die Ergebnisse sollen nämlich auch helfen einzuschätzen, ob ein Abriss der umstrittenen Trasse denkbar ist oder nicht.

Der Verkehr in Halle ist in den vergangenen Jahren mehrfach gezählt worden. Demnach fahren werktags rein statistisch 99 084 Fahrzeuge ins Stadtgebiet und 100 846 wieder heraus. Nach Herkunft und Ziel der Fahrzeuge wird dabei nicht unterschieden. "Die bisherigen Erhebungen haben nicht erbracht, auf welchen Routen Fahrzeuge durch die Stadt fahren und ob diese nicht um die Stadt herumgeleitet werden können", sagte Rainer Möbius, Verkehrsplaner im Rathaus, bei der gestrigen Vorstellung der Zählaktion.

Und eben diese Frage soll mit einer speziellen Erfassungsmethodik beleuchtet werden. So werden am 6. Mai die Kennzeichen und die Art der Fahrzeuge, die in die Stadt hineinfahren, von Kameras erfasst. An den Ausfallstraßen wird dann registriert, wo sie das Stadtgebiet wieder verlassen. An der B 91 und an der Regensburger Straße werden dabei jeweils zwei Messpunkte eingerichtet - für den Verkehr in beide Richtungen. Auch an innerstädtischen Zählstellen wird ermittelt, inwiefern diese vom Durchgangsverkehr frequentiert werden. Die Messungen finden Möbius zufolge von 6 bis 22 Uhr statt.

Wie Möbius der MZ sagte, sind die Zählungen vor allem für die langfristige Verkehrsplanung wichtig. Kurzfristige Konsequenzen seien nicht zu erwarten. Eine denkbare Schlussfolgerung sei aber, die Fertigstellung der Umgehungsstraße "Osttangente" zu forcieren, um den Durchgangsverkehr zum Lärm- und Feinstaubschutz früher aus anderen Stadtteilen abzuleiten. Die Messstelle in der Regensburger Straße könnte das Thema Ortsumgehung für Radewell wieder in den Fokus rücken. Und das Verkehrsaufkommen an der B 80 ließe Rückschlüsse zu, wie die Fertigstellung der Autobahn-Ostumfahrung (A 143) Entlastung für Halle bringen könnte.

Möbius hofft zudem, dass die Debatte um die Hochstraße mit objektiven Zahlen künftig sachlicher geführt werden kann. Wird die Trasse tatsächlich meist vom Durchgangsverkehr genutzt? Würde eine Umleitung dieses Stroms den Bedarf für die Hochstraße verringern?

Die Stadt gibt für die Verkehrszählung 100 000 Euro aus. Umgesetzt wird sie von der Firma Mehl Messtechnik aus Wolfhagen bei Kassel. Wie Geschäftsführer Peter Mehl sagte, habe es in Sachsen-Anhalt bislang keine derartige Verkehrserhebung gegeben. Er versicherte, dass der Datenschutz strikt eingehalten werde. "Die Daten werden sofort verschlüsselt und codiert weiterverarbeitet." Eine Rückverschlüsselung und somit ein Missbrauch seien nicht möglich, so Mehl.

Kommentar

So plant es sich besser

Am 6. Mai werden sich viele Autofahrer auf Halles Straßen wundern: An etlichen Stellen werden Kameras aufgestellt sei. Dabei handelt es sich um keine Geschwindigkeitskontrolle oder um andere Präventivmaßnahmen der Polizei, sondern um eine von der Stadt initiierte Verkehrszählung. Wie es heißt, ist das die erste Erhebnung dieser Art in der Stadt und im Land überhaupt.

Mit der Verkehrsplanung, für die die Daten erhoben werden sollen, ist das so eine Sache. Wenn es in den politischen Entscheidungsprozessen um die Verkehrsbelastung in einem bestimmten Bereich geht, spielen gefühlte Intensitäten und subjektive Wahrnehmungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Deshalb ist es gut, dass nun objektive und belastbare Daten auf den Tisch kommen. Gerade in Bezug auf die Diskussion um die Hochstraße ist das wichtig.

Die Erhebung per Kamera ist hierzulande noch nicht so bekannt. Um das Vertrauen in dieses Verfahren zu gewinnen - aber auch unabhängig davon - ist große Sensibilität und Genauigkeit beim Umgang mit den Daten gefordert. Der Datenschutz darf nicht nur Lippenbekenntnis sein.

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