MZ 31.5.10 - 6

Halle
Hochgefühle auf der Hochstraße

Autor: Peter Godazgar

Höher war die Kameradichte wohl selten. Logisch, denn: "Das gibt's doch nie mehr!", rief Klaus Winkler. "Solche Aussichten! Toll!" Und legte seinen Fotoapparat auf neue Ziele an. Das gibt's nie mehr - dieses Argument wird wohl für die meisten der Grund gewesen sein, sich auf den Weg zu machen Richtung Hochstraße.

Stundenlang war am Sonntag eine der wichtigsten Trassen der Stadt gesperrt - zur Feier der zwanzigjährige "Ehe" von Halle und Neustadt. Und als spektakulärer Höhepunkt der Internationalen Bauausstellung (IBA). Das wurde es wohl auch - zumindest für die Fußgänger auf der Hochstraße, während der Verkehr rund um die Stadt zeitweise komplett zusammenbrach.

Auf der Magistrale und der Brücke schwärmten die Passanten derweil in Superlativen: Wahnsinn! Toll! Einmalig! 20 000 Menschen, schätzt Halles Stadtmarketing, dürften unterwegs gewesen sein. Es summte und brummte, die Stimmung war entspannt wie selten. Der drei Kilometer lange Fußmarsch vom Rennbahnkreuz zur Waisenhausapotheke machte aber auch eindrucksvoll deutlich, welche Wunde die Hochstraße geschlagen hat.

Der Spaß überwog freilich: Es gab ein Bobbycar-Rennen, Kletterspezialisten erklommen Verkehrsschilder oder gleich das benachbarte Steg-Hochhaus; der Salzlauf startete, Hochzeitspaare gaben sich das Ja-Wort - auch die OB nahm eine Heirat vor.

Angstvoll waren die Blicke nur, wenn sie nach oben gingen: Und Petrus, dieser Gedanke drängte sich auf, muss ein Autofahrer sein. Kurz vor der offiziellen Eröffnung um 15 Uhr ging der erste Guss nieder - ein Wetterereignis, für das Meteorologen das Wort Starkregen erfunden haben.

Und als Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD) wenig später die Gäste von einer zehn Meter hohen Hebebühne herab begrüßte, erhielt sie als Antwort einen Donnerschlag vom abziehenden Gewitter. Da sei es ihr mit dem Schirm dort oben doch etwas mulmig geworden, gestand sie später.

Es blieb nicht die einzige Schauer, vertreiben ließen sich die Hallenser davon aber nicht, zumal es gegen 17 Uhr richtig spannend wurde, als die Einlösung der Wette auf dem Programm stand: Gut 3 400 Hallenser sollten den Schriftzug "Halle Saale" bilden, inklusive kleinem Sternchen. Tatsächlich klafften kurz vor dem entscheidenden Moment in mehreren Buchstaben noch größere Lücken. "Wollen Sie noch beim L mitmachen?" "Hinten beim A fehlen noch ein paar!"

Als es drauf ankam, waren aber alle da und winkten der vorbeifliegenden Cessna zu, aus der die Aufnahmen gemacht wurden, die demnächst sogar bei Google Earth zu sehen sein sollen. Die OB war natürlich erleichtert, hätte sie doch beim Verlust der Wette im Trikot des 1. FC Magdeburg die Kicker der Landeshauptstadt anfeuern müssen. "Richtig wohlgefühlt hätte ich mich nicht in Blau-Weiß", gestand sie.