MZ 31.5.10 - 3

IBA-Aktion
Ja-Wort im Getümmel

Autorin: Katrin Löwe

Sonntagmittag, kurz nach elf Uhr: Matthias J. Maurer macht einen entspannten Eindruck, als er in seiner Wohnung ins "Graf Luckner"-Zimmer bittet. Plaudert über den Mann, der einst mit dafür sorgte, dass Halle zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zerstört wurde. Es war ein entscheidender Punkt in Halles Stadtgeschichte. In gut sechs Stunden steht Maurer selbst vor einem einschneidenden Punkt in seinem Leben: Er wird seiner Lebensgefährtin Petra Ehresmann (43) das Ja-Wort geben. Mitten auf der halleschen Hochstraße, die das Zentrum mit Halle-Neustadt verbindet.

"Es gibt sicher romantischere Orte zum Heiraten", sagt er. Das hat er sich auch gedacht, als er für die ursprünglich im Juni geplante Hochzeit im Internet die Öffnungszeiten des Standesamtes suchte und dabei von der Aktion im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2010 las: Zur "Hoch-Zeit" auf der Magistrale - 20 Jahre nach der Eingemeindung Neustadts nach Halle - sollen sich auch Paare trauen dürfen. "Eine interessante Aktion, die wir toll finden", sagt der in Halle geborene Rechtsanwalt.

Dabei war der Ort selbst für seine Verlobte am Anfang "eher befremdlich". Maurer aber punktete: mit der Kutsche, die die Brautleute auf die Hochstraße bringt. "Das ist ein Kindheitstraum von mir", sagt sie. Einmalig, glauben beide, wird die Hochzeit. Egal, wie lange die umstrittene Hochstraße noch existiert. "Im Rathaus kann jeder heiraten." Und der Antrag hat es ja an Romantik nicht fehlen lassen: Im Frühjahr hat Maurer der Biologin aus der Pfalz, die seit Ende 2006 die Frau an seiner Seite ist, vor den Niagara-Fällen in den USA die entscheidende Frage gestellt.

Nachmittag, gegen 15 Uhr: Petra Ehresmann wird bei einer Freundin frisiert und eingekleidet. Das Brautkleid - ein Traum in creme - wird Maurer in knapp zwei Stunden das erste Mal zu Gesicht bekommen. Was sich bereits jetzt auf der Magistrale abspielt, davon bekommen beide nichts mit. "Würden wir nicht heiraten, wären wir auf jeden Fall da gewesen", sagt Maurer. Auf der Hochstraße, auf der 2009 knapp 16 000 Autos in 16 Stunden gezählt wurden, dreht sich kein motorbetriebenes Rad mehr. Sie gehört zigtausenden Fußgängern, Radfahrern, Inlinern beim räumlich längsten halleschen Open-Air-Event. Von dem Regen, der zweimal am Nachmittag auf die Trasse prasselt, lässt sich die Menge nicht bremsen.

Am Ende der drei Kilometer langen Strecke, deren gut achtstündige Sperrung zu langen Staus auf den Ausweichrouten führt, läuft eine Diskussionsrunde über die Doppelstadt. Seit 1971 wird sie durch die heftig umstrittene Hochstraße verbunden. Eine Bürgerinitiative will sie abschaffen, sieht in ihr einen "städtebaulichen Störfaktor", der die Aufnahme der nahen Franckeschen Stiftungen in die Unesco-Welterbeliste verhindert. Befürworter der vierspurigen Piste verweisen auf deren Bedeutung für den innerstädtischen und Durchgangsverkehr. Erst 2009 kündigt die Stadt an, einen Teilabriss zu prüfen - eines der zwei Brückenbauwerke steht angesichts sinkender Verkehrsströme in Frage. Die Verbindung zu dem als Chemiearbeiter-Stadt vor 46 Jahren errichteten Halle-Neustadt dürfe aber nicht gekappt werden, heißt es.

17 Uhr: Während Matthias J. Maurer und seine schwangere Braut auf dem Markt mit Sohn Darius (6) und Tochter Sophie (2) in die Kutsche steigen, gewinnt Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados auf der Hochstraße eine Wette gegen ihren Magdeburger Amtskollegen Lutz Trümper (beide SPD): Tausende Hallenser bilden auf dem Asphalt den Schriftzug mit dem Namen ihrer Stadt. Das Brautpaar gerät mitten in die sich auflösende Menge. Eigentlich hatten beide eine Hochzeit in kleinem Familienrahmen geplant - die größere soll kirchlich in zwei, drei Jahren folgen. Dass die Hochstraße genug Platz bietet, um nun doch Freunde am großen Tag teilhaben zu lassen, freut Maurer.

Am Ende der Zeremonie, nach dem Tausch der Ringe mit den eingearbeiteten Fingerabdrücken des Partners, erklingt im Hochzeitspavillon "If you're going to San Francisco" von Scott McKenzie - das frisch verheiratete Paar spart für die Hochzeitsreise nach San Francisco. Noch steht es aber mitten auf der Hochstraße. Als geschichtsinteressierter Hallenser - Maurer ist Vorsitzender der Graf-Luckner-Gesellschaft - "kann ich die Straße eigentlich nicht besonders leiden", sagt der 40-Jährige. Doch auch wenn er gut findet, dass sich eine Bürgerinitiative mit ihr beschäftigt: Alternativen hält er derzeit für wirtschaftlich nicht machbar. "Und jetzt", sagt er lachend, "kann sie auch ruhig noch etwas bleiben, damit wir später unseren Kindern zeigen können, wo wir geheiratet haben."

Zurück zu "Medien-Berichte"