Neues Deutschland 4.2.10

Leere Flächen, zugeparkt

Das gesamte Bundesland Sachsen-Anhalt wird zum Schauplatz der Internationalen Bauausstellung 2010

Autor: Uwe Kraus

In Sachsen-Anhalt sinkt die Einwohnerzahl und die Städte werden umgebaut. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und den Umbau zukunftsorientiert zu gestalten, stellen 19 Städte im Rahmen einer Bauausstellung ihre Konzepte vor.

Bis zum Frühjahr 1990 fiel der Halberstädter Düsterngraben dem Flächenabriss zum Opfer. Zerfallen und desolat, »zuweilen entfernte man schon einige Dachziegel, um den Verfallsprozess zu beschleunigen«, erinnerte sich der im Jahr 2007 verstorbene Künstler und Kommunalpolitiker Johann-Peter Hinz. Er war Mitbegründer der Initiative »Sanierung statt Abriss« in der historischen Fachwerkstadt. Im Düsterngraben sollten dank Wohnungsbauprogramm industriell gefertigte Plattenbauten wachsen, so wie in vielen ehemaligen Gassen der Altstadt oder am Stadtrand, der Kuhwiese, die damals Ernst-Thälmann-Ring hieß. 20 Jahre später hat die Kuhwiese das erreicht, was dem Düsterngraben widerfuhr: Rückbau nannte man den steuerbegünstigten Plattenabriss. Und noch etwas eint beide Flächen heute: bauliche Leere.

Das Phänomen leerer Flächen

Anfang der neunziger Jahre setzten die Sieger des internationalen Wettbewerbs für Architektur und Stadtplanung »EUROPAN« für den Düsterngraben weiter auf eine attraktive Wohnbebauung. Was davon blieb, ist ein riesiger Parkplatz unterhalb des historischen Domplatzes, auf dem gelegentlich der »Fischmarkt« oder eine Radio-Show gastieren. Mit der Aktion »Parken verboten – Picknick erlaubt« setzten sich die Halberstädter mit dem Phänomen von leeren Flächen in schrumpfenden Städten auseinander. Was geschieht mit ihnen? Sie werden zugeparkt.

Halberstadt sucht seit mehreren Jahren einen künstlerischen Zugang zum Thema »Kultivierung der Leere – Leere als Herausforderung«. Die Domstadt gehört zu den 19 Orten Sachsen-Anhalts, die, koordiniert vom Bauhaus Dessau, individuelle Konzepte entwickelten, die dieses Jahr einem großen Publikum präsentiert werden. Seit 2002 wird im Land an den Projekten für die Internationale Bauausstellung (IBA) gestrickt, die ab 8. April erstmals ein ganzes Bundesland zur Ausstellungsfläche umgestaltet. Ergebnisse der IBA werden zudem im deutschen Pavillon auf der Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai gezeigt. Die Kommunen suchen mit verschiedenen Modellprojekten nach Instrumenten, um der anhaltenden Schrumpfung der Gemeinden etwas entgegenzusetzen. »Diese Konzepte können durchaus Anregungen für andere Regionen vermitteln, in denen es mittel- und langfristig ähnliche Herausforderungen gibt«, meinte Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) vor einigen Tagen. Und fügte hinzu: »Der Stadtumbau hat eine erhebliche wirtschaftliche Dimension, denn Unternehmen investieren nur dort, wo ihre Mitarbeiter ein angenehmes Umfeld finden.« Die wohnungswirtschaftlichen Verbände des Landes haben allein seit 2002 fast 55 000 Wohnungen vom Markt genommen. Gleichzeitig seien 2,2 Milliarden Euro vornehmlich für die Entwicklung des Bestandes investiert worden. 2009 haben die Verbände 370 Millionen Euro investiert, in diesem Jahr sollen es erneut 350 Millionen sein.

An der IBA nehmen unter anderem Halberstadt, Halle, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg sowie die Landeshauptstadt Magdeburg teil. In den Städten sollen exemplarisch Lösungsansätze getestet werden, die die Änderungen aus verschiedenen Blickwinkeln im Sozialen, in der Wirtschaft und der Demografie begleiten. In 15 Jahren wird die Einwohnerzahl von Sachsen-Anhalt voraussichtlich auf unter zwei Millionen schrumpfen. Künftige Eltern haben dem Land den Rücken gekehrt und die Bevölkerung vergreist.

Das IBA-Thema in Halberstadt widmet sich gestalterisch dem offensiven Umgang mit physischer Leere durch Zerstörungen aus dem Zweiten Weltkrieg, Flächenabriss und Wegzug. In der 1897 erbauten Städtischen Badeanstalt findet die Ausstellung »Ästhetik der Leere« statt. Das Gebäude selbst steht leer und soll behutsam kultiviert werden, so die Ausstellungsszenografie der in Berlin ansässigen »chezweitz & roseapple«. Der Besucher steigt in das abgelassene Becken hinab wie in einen Pool aus Ideen und Vorstellungen zur Leere. Er durchquert die verkommene Pracht von Umkleiden, Treppenhäusern und Wannenbädern.

»Trainingspfad des Sehens«

Ein »Trainingspfad des Sehens« zielt seit 2007 darauf, im laufenden Betrieb des Stadtlebens ein Nachdenken über Formen von Urbanität anzuregen. Am Martiniplan der Stadt vermittelt eine »Sehbrücke« neben dem Verlustaspekt auch neue Qualitäten der entstandenen Leere. So ermöglicht der unbebaute Domhang zusammen mit der in den siebziger Jahren überdimensionierten Verkehrsschneise des Hohen Weg eine freie Sicht auf den Dom, »wie sie andernorts etwa durch eine Wasserfront gegeben wäre«, werben die Initiatoren. Der historische Domplatz in seiner luxuriösen Weite sei dagegen ein perfekter Ort, an dem die schöne Qualität von Leere in ihrer Offenheit, Weite und Freiheit erlebbar wird.

In Aschersleben, der Stadt der Landesgartenschau 2010, wächst die erste Stadt-Galerie zum Durchfahren. An der Steinbrücke »steht« die Ausstellung »Drive-In-Motel Aschersleben«, am Busbahnhof an der Herrenbreite die Lichtinstallation »Stargazer« von Ursula Achternkamp. In Weißenfels, die als »Grüne Stadt an der Saale« gesehen werden will, wurde im Rahmen des IBA-Projektes 2010 das etwa vier Hektar große Gelände der ehemaligen Getreidewirtschaft umgestaltet. In Köthen hat sich das Thema »Homöopathie als Entwicklungskraft« als zugkräftig herausgestellt. Das sei ein internationales Thema und entspreche dem Anliegen dieser Bauausstellung.

Die viertgrößte Stadt des Landes, Bitterfeld-Wolfen, nähert sich dagegen in theoretischen Ansätzen mit ihrem Projekt »Die Chemie stimmt – Netzregion Bitterfeld-Wolfen« den Fragen des zukunftsorientierten Stadtumbaus. Die Region durchlebt seit der Wende einen einst unvorstellbaren Wandel in der Industrieentwicklung, der Stadtstruktur und auch im Tourismus. So werde jetzt vorausgeschaut, wie die vor drei Jahren vereinte Stadt Bitterfeld-Wolfen einmal im Jahr 2030 aussehen könnte.

Außeruniversitärer Campus in Wittenberg

In der Lutherstadt Wittenberg fügt sich die Internationale Bauausstellung mit den Plänen rund um die Lutherdekade. Und doch wird immer wieder nicht nur hinter vorgehaltener Hand kolportiert, Wittenberg setzte nur auf seine Innenstadt mit Kirchen und Martin Luther. Dies stößt auf vehementen Widerspruch aus dem Rathaus. Die Lutherstadt mit ihren UNESCO-Welterbestätten und kulturellen wie konfessionellen Institutionen will diese vernetzen und einen außeruniversitären Campus gestalten. Der Campus wird Gäste als »temporäre Bevölkerung« anziehen, die Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung, die Profilierung als Bildungsstandort und für eine gesteigerte Urbanität der Stadt geben. Dazu wurde 2005 der Verein CAMPUS Wittenberg gegründet.

Als nach außen spektakulärstes IBA-Vorhaben gilt die Sperrung der Hochstraße in Halle am 30. Mai. Die Sperrung der Magistrale zwischen Rennbahnkreuz und Waisenhausapotheke gibt Raum zum Spazierengehen, Radfahren, Skaten, Joggen, Feiern oder Musizieren. Die Schnellstraße entstand mit dem Bau der Neustadt. Seitdem verbindet sie die beiden Hälften der 1990 entstandenen Doppelstadt, spaltet aber gleichzeitig die Innenstadt, städtebauliche Moderne und alte Stadt. »Der sonst nur schnell durchfahrene Verkehrsraum lädt für immerhin kurze Zeit zum Verweilen ein. Die Stadtlandschaft kann von den Brücken über der Saale und von der Hochstraße aus ungewohntem Blickwinkel wahrgenommen werden. Es wird zugleich deutlich, wie sehr Halle von der Funktionsfähigkeit dieser einzigen leistungsfähigen Saalequerung abhängig ist«, erklären die Hallenser IBA-Macher.

Für die IBA-Stadtumbauprojekte zwischen Hauptbahnhof und Neustadt fließen insgesamt etwa sieben Millionen Euro. Als besonders innovativ gilt die Umwandlung eines ehemaligen Fünfgeschossers im Neustädter Oleanderweg, der schon rein äußerlich durch seine grün-orange Front auffällt. Der Block beherbergte einst 125 Standard-Dreiraum-Wohnungen. Heute erstrecken sich hier zehn zweietagige Einfamilienhäuser, und die verbliebenen 71 Wohnungen verfügen über 18 verschiedene Zuschnitte.

Die kreisfreie Stadt Dessau-Roßlau holt dort, wo der Stadtcharakter schwindet und Brachen wachsen, die Natur zurück in die Stadt. Dieser Umbau erfolgt durchaus radikal, da er nach Ansicht der Akteure das soziale Miteinander in den Quartieren stärke. In der Bauhaus-Stadt ist in diesem Jahr auch die Überblicksausstellung zur Internationalen Bauausstellung zu sehen. Doch die Freiluftschau, wie Antworten zur Stärkung der Stadtkerne in Zeiten der Schrumpfung aussehen können, zieht sich über das ganze Bundesland. Sie ist das Resultat mehrjähriger Arbeit und wird mit der Abschlusskonferenz am 16. Oktober in Halle nicht aus dem Fokus von Stadtplanern und Kommunalpolitikern verschwinden. 2010 gilt als Jahr der Zwischenbilanz. Der Stadtumbau geht weiter.

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