SN 18.10.09

Halle wollte die Hochstraße nie bauen
Bürgerinitiative möchte über "Störfaktor" aufklären - Neue Verkehrsplanung gefordert

Von Martin Schramme

HALLE. Auf dem neuen Faltblatt, das in viele Hallenser-Hände geraten soll, steht  „Störfaktor Hochstraße“. Der Verein „Bürgerinitiative Hochstraße Halle an der Saale“ lässt nicht locker mit dem Anliegen, Bürger und Stadtverwaltung in einen konstruktiven Dialog zu zwingen und Alternativen für die Spannbetonbrücke zwischen Halle-Neustadt und Halle-Altstadt zu diskutieren.

Am Freitag holten die Sprecher der Initiative erneut Journalisten in die potentielle Weltkulturerbe-Stätte Franckesche Stiftungen, um das „Generationenprojekt“ (Jens-Holger Göttner) zur Beseitigung des „städtebaulichen Monsters“ (Dieter Lehmann) mit der nötigen Geduld (Penelope Willard) endlich konkret anzugehen. Die Initiative mit 70 Mitgliedern und 200 Sympathiesanten wolle über ihre Ziele informieren und weitere Unterstützer gewinnen, begründete Vorstandsmitglied Hans-Georg Ungefug die Faltblattaktion. Die Lebenszeit der Hochstraße sei nach Expertenschätzungen in 20 bis 37 Jahren abgelaufen, so der Vorsitzende Göttner. Wegen der heute langen Vorlaufzeiten für Planungen müsse ohnehin schon jetzt über die Zukunft der Brücke nachgedacht werden. Ein Generalplan sei dringend nötig, erklärte Vorstandsmitglied Ingo Kautz. Halle müsse endlich agieren, um im Wettbewerb mit anderen Städten wie Köln, Duisburg oder Magdeburg nicht hinterherzuhinken. Wie Kautz sagte, sind andernorts renommierte Architekten zu Gange, in Duisburg der Brite Sir Norman Forster und in Köln der Frankfurter Albert Speer.

Die Initiative nutzte ihre Pressekonferenz, um auf ihren druckfrischen „Aktionskatalog 2009“ zu verweisen. In dem Katalog wird bei der Verkehrs- und Stadtplanung Handlungsbedarf gesehen, der deutlich über die Hochstraßen-Thematik hinausgeht.

Verwunderung herrschte wegen des Umgangs der Stadt mit den Zahlen einer teueren Verkehrszählung, die inklusive videotechnischer Kennzeichenerfassung am 6. Mai entlang der Hochstraße durchgeführt worden ist. Die Initiative habe ihr Interesse an Details bereits vor Monaten bekundet. Doch Halles Stadtverwaltung mauere, beklagte auch Martina Wildgrube, Vorstandsmitglied und Stadträtin. Im Planungsausschuss sei das Thema viel zu kurz abgehandelt worden, so Lehmann. Dass zu den Zahlen kurzfristig eine Pressekonferenz zeitgleich zu jener der Initiative anberaumt wurde, sei seltsam.

Dabei zeigen die Zahlen - ganz im Sinne der Hochstraßen-Gegener – eine unerwartet niedrige Fahrzeugzahl. Wie die Stadt am Freitag mitteilte, fuhren in der überwachten Zeit von 6 bis 22 Uhr 15.127 Fahrzeuge in Richtung Innenstadt und 1690 Fahrzeuge passierten die Stadt ohne Halt.

Aus Sicht der Initiative spricht auch die Vorgeschichte der Hochstraße für deren Abriss. Laut Lehmann wollte die Stadt zu DDR-Zeiten die Brücke nach Neustadt erst ab dem Glauchaer Platz. Der Bezirk habe anders entschieden.

Kommentar

Generalkonzept nötig

von Martin Schramme

Die Stadt zu entwickeln und den Verkehr zu planen, ist nicht Halles Stärke. Lang ist die Reihe der Sünden (Bauloch an der "Spitze", Multimedia-Zentrum, Zuckerfabrik, Sportzentrum Böllberger Weg, Riebeckplatz, Boulevard, Marktplatz ...), die der Stadtverwaltung anzulasten sind. Auch der Stadtrat lässt Glanzleistungen vermissen. Und dann die jüngste Schnapsidee einer innerstädtischen Umweltzone mit Tempo 20. Abenteuerlich! Realitätsfremd!

Schön, dass die Havag großes Lob für ihr Park+Ride-Konzept an der Straßenbahn-Wendeschleife in Halle-Kröllwitz eingefahren hat. Gratulation! Doch ob Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer – alle Verkehrsteilnehmer müssen sich in dieser Stadt über zahlreiche Schikanen ärgern. Einer behindert den anderen. Planmäßig? Es wird offenbar in kleinen Karos gedacht bei Halles Stadtverwaltern, doch das große Ganze, das Generalkonzept, wird nicht sichtbar, nicht erlebbar.

Wie viele Menschen wollen wie wann wohin? Diese Frage braucht praktizierte Antworten. Die Gesamtlösung ist in den engen Strukturen der historischen Altstadt sicher besonders anspruchsvoll. Doch sollte die Stadt dafür, diese Gesamtlösung zu finden, die Besten des Faches gewinnen, statt für immer neue, unverschämt teure und oft nutzlose Studien Geld auszugeben oder alte Kader mit fragwürdigem Nutzwert für die Stadt zu reaktivieren. Halles Verkehrsproblem muss angepackt werden, schnell und konsequent.

Mit dem von einer Bürgerinitiative vehement verfolgten Abriss der Hochstraße zwischen Halle-Altstadt und Halle-Neustadt wird die Lösung der Generalaufgabe gewiss nicht leichter. Doch ist nicht gerade die Zuspitzung dieser Thematik das beste Druckmittel, damit die Stadt Halle das Verkehrsflussthema noch einmal grundsätzlich angeht? Vielleicht sollten die Verantwortlichen einmal einen Blick nach Frankfurt am Main werfen. Dort ist Anfang September ein bundesweit einmaliges Versuchszentrum für intelligente Verkehrslösungen in Betrieb gegangen. Die Lösung der Verkehrsprobleme in Halle wären auch ein Thema für die hiesige Universität. Eine stärkere Vernetzung der Kompetenzen der wissenschaftlichen Einrichtungen in Halle mit der Stadtverwaltung wäre ohnehin wünschenswert.

Bei der Frage nach einer lebenswerten Stadt geht es um Funktionalität und Ästhetik. Das klingt einleuchtend, doch manchmal hat man den Eindruck, diese beiden Ansprüche seien unversöhnlich. Die Diskussion um Erhalt oder Abriss der Hochstraße scheint so ein Beispiel zu sein. Doch es ginge auch anders, wenn Verkehre nicht nur gelenkt, sondern auch vermieden würden (Beispiel: kein Schwerlasttransit)

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