Sonntagsnachrichten Halle 18.12.11

Harter Kampf der Parteien
Preisgeld von Befürwortern des Abrisses der Hochstraße - Bürgerverein hält dagegen

Autor: Martin Schramme

HALLE. Neue Runde im erbitterten Streit gegen und für die Hochstraße in Halle: Die Bürgerinitiative Hochstraße Halle an der Saale (BI) rief sich am Donnerstag mit der Auswertung ihres „Zukunftswettbewerbs“ in Erinnerung. Zuvor verteilte der Bürgerverein Stadtgestaltung Halle (Saale) seine Anti-Thesen.

Die Einen verteidigen ihr Lebenswerk, die Anderen rütteln mit massiver Klientel- und Medienarbeit an der alten Lebensader: Am Donnerstag vergab die BI in Halles Stadthaus den mit 2500 Euro dotierten „Zukunftspreis für Halle 2025“. 71 Studenten von acht Hochschulen hatten teilgenommen. Nur ein Beitrag kam aus Halle. Die Sieger studieren an der Fachhochschule Münster, die Zweitplatzierten an der Universität Leipzig und die Dritten an der Universität Weimar. Bewertet wurden die Arbeiten von einer 14-köpfigen Jury, der unter anderem der Rektor der Universität Halle, Udo Sträter, der Präsident der Nationalakademie Leopoldina, Jörg Hacker, und der Direktor der Franckeschen Stiftungen, Thomas Müller-Bahlke, angehörten. „Halle bewegt sich vor allem durch Bürgerbeteiligung“, erklärte die Jury-Vorsitzende Erdmuthe Fikentscher, ehe sie die drei ausgezeichneten Wettbewerbsbeiträge vorstellte.

Die Sieger aus Münster wollen Lücken im Verkehrssystem der Stadt schließen, indem sie Eislebener Straße, B 80, B 91 und L 50 in einem doppelten Ringsystem verbinden. Dafür müssten zwei neue Brücken gebaut werden: eine in Trotha (Norden) und eine in Wörmlitz (Süden). Verstärkt werden soll gleichzeitig der Öffentliche Nahverkehr, um die Zahl der Fahrzeuge in der Stadtmitte zu verringern. Durch den Abriss der Hochstraße könnten unter anderem ein neuer Boulevard und Grünräume entstehen.

Die Studenten aus Leipzig lieferten „Eine Partitur für den bewegten Raum“. Die Umgestaltung könnte ihrer Meinung nach in kleinen Schritten bis 2015, 2020 und 2025 passieren. An das Verschwinden der Hochstraße sollen sich die Menschen langsam gewöhnen. Erst wird die Südbrücke gesperrt und die Nordbrücke mit Solarzellen eingehaust. Es gibt autofreie Sonntage und andere wechselnde Nutzungen der Hochstraße. Bis 2020 wird die Südbrücke abgerissen. Ein Grünzug entsteht. Der Franckeplatz wird zum „Platz der Kulturen an der grünen Promenade“.

Der Beitrag „Halle - Dichte mobilisieren“ aus Weimar setzt auf sanfte Mobilität, also die autoarme oder autofreie Stadt. Rad- und Fußwege, Teilauto-Angebote sowie ein kostenloser Öffentlicher Nahverkehr sollen stadtweit entwickelt werden. Die Saale soll in das Nahverkehrsnetz aufgehen und mit genutzt werden. Auch die Weimarer wollen die Hochstraßentrasse stufenweise umwandeln und die Möglichkeiten in der Praxis testen. So soll es ab 2016 ein Fahrverbot für Lkw und autofreie Sonntage geben. 2021 wird die südliche Hochstraße gesperrt und begrünt. Bis 2025 wird herumexperimentiert, dann soll über Abriss oder Erhalt entschieden werden.

Die BI sei Ausdruck hervorragenden bürgerlichen Engagements, lobte Halles Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados den Zukunftspreis-Wettbewerb. Die BI habe die Zukunft der Stadt im Blick und verstecke nicht private Interessen unterm Vereinsmäntelchen. Sie vereine keine Dogmatiker, sondern lade ein zur Diskussion für eine kulturstadtverträgliche Verkehrslösung. Jede Bürgerbeteiligung sei mühsam, aber notwendig und zeitgemäß. Die BI agiere haben den Blick auf das Ganze. Die Zukunftspreisträger seien junge Leute mit dem Blick von außen und dieser Blick sei für Halle wichtig. Sie hoffe auf gute Bürgerbeteiligung am Stadtentwicklungskonzept 2025 und am Verkehrsentwicklungsplan, so Szabados. Sie kritisierte, dass jetzt Leute kämen, die zu DDR-Zeiten die Bürger nicht gefragt hätten (ob sie die Hochstraße wollen) und so täten, als wären jetzt sie die Bürger, die nicht gefragt werden; eine klare Parteinahme gegen den Bürgerverein.

Stellvertretend für die kopfschüttelnde Mehrheit der Hallenser hält eben jener Bürgerverein mit seiner Broschüre „Halle ohne Hochstraße in Staugefahr“ dagegen. Im Verein sind Architekten, Verkehrsplaner und Ingenieure, die am Bau der Hochstraße mitgewirkt haben. Zu finden sind auch alte Bekannte: Reiner Halle, der schon gegen den Abriss der Hochhäuser am Riebeckplatz mobil machte, und Halles ehemaliger Baudezernent Wolfgang Heinrich.

Täglich bis zu 48.000 Fahrzeuge sind auf der Hochstraße unterwegs, sagt der Verein. Er ist im Gegensatz zur BI der Ansicht, dass die Hochstraße nicht trennt, sondern verbindet. Er weist darauf hin, dass ihr Abriss keine Bedingung für die Aufnahme der Franckeschen Stiftungen als UNESCO-Weltkulturerbe ist. Er erklärt die Notwendigkeit der Trasse nach dem Verkehrskollaps in den 60er Jahren und widerspricht der These, die Hochstraße sei nur ein Prestigeobjekt gewesen. Zudem erinnert er daran, dass vier weitere Trassen in Ost-West-Richtung geplant gewesen seien. Er ist überzeugt: Ohne Hochstraße würde Halle im Stau ersticken.

Die Hochstraße verlaufe entlang der historischen Trennlinie zwischen der historischen Altstadt und der Stadterweiterung. Bei entsprechender Pflege könne das Bauwerk auch länger als 75 Jahre funktionieren. Der Bürgerverein stellt die Frage, welche Alternativtrassen die BI vorschlägt und bringt selbst Ideen ein. Demnach kämen zur Entlastung die bereits 1963 geplante Südumgehung von der B80 nach der Südstadt und ein Übergang von der Ecke Mühlweg/Burgstraße zum Gimritzer Damm in Betracht.

Der Bürgerverein trifft sich zur nächsten Beratung am Dienstag, 20. Dezember, 17 Uhr in der Gaststätte „Goldenes Herz“.

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