Sonntagsnachrichten Halle 01.05.2011

Geldnot: Erste Totalsperrung
Stadt Halle hat millionenschwere Finanzierungslücke bei Instandhaltung der Brücken

Schwere Zeiten für die 138 Brücken in Halles Stadtgebiet: Neun Brücken haben Schäden, die aus Geldmangel nicht behoben werden können und zwölf weitere Brücken lassen einen noch nicht bezifferbaren Finanzierungsbedarf erkennen. 37 Spannstahl-Brücken sind stark sprödbruchgefährdet. Für die Instandhaltung steht offenbar deutlich weniger Geld zur Verfügung, als notwendig wäre. Das geht aus Unterlagen der Stadt Halle hervor, die SN vorliegen.

„Es existiert bereits jetzt ein Instandhaltungsstau“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadtverwaltung zum Planungsausschuss. Die meisten Brücken befänden sich aktuell in einem „vertretbaren Zustand“, größere, kostenintensivere Reparaturen seien mit den derzeit vorhandenen Mitteln jedoch nicht möglich. Deswegen warnen die zuständigen Fachämter: „Fehlende Instand- und Unterhaltung führt zwangsläufig zu einer Zustandsverschlechterung. Einschränkungen sind nicht auszuschließen.“

Für den Unterhalt aller Ingenieurbauwerke (Brücken, Tunnel, Treppen, Lärmschutzwände, Ufermauern, Stützwände so weiter) stehen Halles Straßen- und Tiefbauamt im aktuellen Haushalt 920.500 Euro zur Verfügung, erklärte Halles Stadtverwaltung auf SN-Nachfrage. Nach dem gegenwärtigen Stand klafft selbst in der regulären Haushaltsplanung ein jährliches Loch von 1,2 Millionen Euro Defizit. „Die meisten Bauwerke befinden sich momentan in einem vertretbaren Zustand. Dieser soll mit den Mitteln aus dem Verwaltungshaushalt gehalten werden“, erfuhr der Planungsausschuss am 14. Januar vom Stadtplanungsamt.

Neun schadhafte Brücken seien mit den vorhandenen Mitteln nicht zu sanieren. Dazu gehört unter anderem das Bauwerk Carl-Robert-Straße im Verlauf der B6. Laut Baudezernent Thomas Pohlack wurde die Brücke bereits auf eine Spur verengt und die zulässige Traglast reduziert. In Zukunft sei auch eine Totalsperrung nicht mehr auszuschließen. Der Überbau müsse ausgetauscht werden und das würde rund 1,2 Millionen Euro kosten.

Mit der Note 4 bei der letzten Bauwerkshauptprüfung 2009 am schlechtesten bewertet wurde die „Neue Brücke“, die von der Halle-Saale-Schleife zur Peißnitzinsel führt. Das Haupttragwerk aus Holz ist so stark beschädigt, dass die Brücke für Großveranstaltungen nicht mehr genutzt werden kann. Aktuell ist es komplett gesperrt. Auch Fußgänger und Radfahrer, die zuletzt nur noch auf einem abgesperrten schmalen Mittelstreifen passieren durften,  werden nun durch einen Sperrzaun aufgehalten (siehe Foto). Sie werden flussab- und aufwärts auf Schwanen- und Gutsbrücke verwiesen. 1,5 Millionen Euro würde der Ersatzneubau für die beschädigte Holzbrücke kosten.

Schnelles Handeln ist offenbar auch an der denkmalgeschützten Burg-Brücke angesagt. „Am Längsträger des Haupttragwerkes sind Querschnittsschwächungen von bis zu 25 Prozent vorhanden“, steht in der Vorlage V/2010/09325 aus dem Dezernat Planen, Bauen und Straßenverkehr. Seit 2009 steht fest: Standsicherheit und Verkehrssicherheit sind gefährdet. In drei Jahren, sagen Stadtplaner, wird die Stahlkonstruktion so massiv geschädigt sein, dass mit Mehrkosten gegenüber der aktuellen Planung von einer Millionen Euro zu rechnen ist.

Alarmierend ist auch der Zustand der Brücke über den Franckeplatz (B80). Die Geländer sind stark korrodiert; Reparaturkosten 6,3 Millionen Euro. Ein anprallendes Fahrzeug könnte auf den Franckeplatz stürzen, heißt es in den Unterlagen der Stadt.

Auch an der Dessauer Brücke - und damit an einer weiteren Hauptverkehrsader - herrscht dringender Handlungsbedarf. Die zuständigen Stellen bewerten den Bauwerkszustand als „kritisch“. 2010 wurde die Standsicherheit durch Hilfsmaßnahmen verlängert. „Eine endgültige Sanierung ist in den nächsten Jahren notwendig“, sagen die Planer. Kosten: Eine Millionen Euro.

Zudem droht der Totalverlust des Baudenkmals Pfälzer Brücke (zwischen Robert-Franz-Ring und Neuwerk). Teile der Brücke wurden bereits gesperrt. Die Gimritzer Gutsbrücke, derzeit die einzige Zufahrt zur Peißnitz und damit auch zu Peißnitzhaus und Gut Gimritz, muss bis spätestens 2013 instand gesetzt werden, heißt es im Hause Pohlack. Überdies macht in Neustadt die Brücke Bahnhof Zscherbener Straße Probleme. Die Deutsche Bahn AG hat für die Brücke über der S-Bahnstrecke eine Verkehrsgefährdung durch herabstürzende Betonteile angezeigt.

Bei Brückenhauptprüfungen in den vergangenen Jahren bekamen außerdem die Schieferbrücke, die Steinmühlenbrücke zur Peißnitz, die Rabeninselbrücke, die Kaiserslauterer Brücke sowie die Fußgängerbrücken am Kinderdorf und in der Merseburger Straße („blaue Brücke“) Noten, die schlechter waren als 3,0 (benotet wird von 1 bis 4).

Auch die geplante Unterstützung vom Land bringt kaum Entlastung: Laut Pressereferent Peter Mennicke vom Landesentwicklungsministerium sind im Mehrjahresprogramm 2011 bis 2013 Fördermittel geplant für die Brücken B6 über Carl-Robert-Straße (840.000 Euro), Hochstraße Riebeckplatz (900.000 Euro) und Brücke „An der Feuerwache“ über B80 (360.000 Euro). „Die abschließende Entscheidung über die Programmfortschreibung ist aber noch nicht gefallen.“ Projektbezogen gefördert wird nach dem Entflechtungsgesetz, sagt Mennicke. Die laufende Instandhaltung gehöre allerdings nicht dazu.

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