Sonntagsnachrichten Halle 06.03.2011

Halle braucht ein Ziel
SN sprach mit IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Brockmeier über Zukunft der Stadt

Autor: Martin Schramme

Die Infrastruktur ist ganz gut, bei Identität, Leitbild und Leitbild-Treue gebe es in Halle hingegen große Defizite, sagte Thomas Brockmeier, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau, im Gespräch mit SN. Vor allem versäume die Stadt, mit ihren Spitzeneinrichtungen Nationale Akademie der Wissenschaften und Bundeskulturstiftung für sich zu werben.

Brockmeier bezog Stellung zu der Frage nach den Erfolgen und Defiziten im Raum Halle während der 20 Jahre seit der Deutschen Einheit. Zudem sollte er erklären, wie Halle wirtschaftlich weiter vorankommen kann, als das bisher gelungen ist. In seinen Antworten wechselten Lob und Kritik.
Unter anderem warnte Brockmeier davor, sich selbst den Blick auf den Fortschritt zu verbauen: Wirtschaft ist nicht mehr nur Groß- und Schwerindustrie. Für Politik und Öffentlichkeit sei die Industrie attraktiv, „weil sie was zum Anfassen ist“. Die weit verbreitete Meinung sei: Wo ein Schornstein steht, wird gearbeitet. Büroarbeit werde hingegen skeptisch hinterfragt. Die Realität sei, dass es bundesweit pro Jahr nur zwei Dutzend bedeutende Industrie-Ansiedlungen gehe. Er sagt: „Ansiedlungserfolge lassen sich strategisch planen, aber ohne Erfolgsgarantie.“ Der radikale Absturz der Industriebetriebe Anfang der 90er Jahre in Ostdeutschland müsse auch unter diesem Aspekt gesehen werden. Dienstleistungen müssten mehr beachtet und positiver bewertet werden, ohne die Industrie zu vernachlässigen.
Der IHK-Chef verwies auch auf die Grenzen der Politik und räumte mit einer Illusion auf: „Sie können mit Steuern nicht steuern.“ In der Politik werde das oft propagiert, am Ende sei die Steuerwirkung aber marginal. Darum gehe es ohnehin kaum. Steuern wie die Ökosteuer dienten letztlich der Geldbeschaffung.

Einfluss- und Verbesserungsmöglichkeiten sah Brockmeier an anderer Stelle: „Halle braucht ein wirtschaftspolitisches Leitbild.“ Die Stadt müsse wissen, wer und was sie ist, wo sie hin will, wie sie dahin kommt und daran festhalten. Es gehe um Selbstanalyse und Identitätsfindung und die Frage, für welche Zielgruppe man interessant sein will. „Halle braucht eine Revitalisierung der Bürgerkultur und eine Plattform dafür.“ Er habe ein wirtschaftspolitisches Leitbild, so Brockmeier. Das werde gerade noch abgestimmt. Halle sei als Wissenschaftsstandort interessant und verbinde die beiden großen Aspekte Natur und Kultur. Leopoldina und der Bundeskulturstiftung seien zwei Spitzeneinrichtungen in der Stadt, mit denen Halle viel zu wenig wuchere. Beide Häuser müssten mehr zusammenarbeiten. „Wir wollen eine Plattform für eine sichtbare und fruchtbare Kooperation schaffen“, so der IHK-Chef. Auch als Medienstadt habe Halle das Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Wenigstens im Land sollten die Angebote des Mitteldeutschen Multimediazentrums (MMZ) in Halle genutzt werden, statt die in Leipzig oder Frankfurt am Main.
Die Entwicklung des verkehrspolitischen Leitbildes sei dringend geboten. Der vor einem halben Jahr gefasste Stadtratsbeschluss für einen Verkehrsentwicklungsplan 2025 entspreche dieser Intention. Eine breite öffentliche Diskussion sei notwendig. Aus Sicht der IHK müssten unter anderem die Osttangente und der Gimritzer Damm ausgebaut werden. Sehr skeptisch bewertete Brockmeier den Abriss der Hochstraße. Er sehe keine vernünftige, finanzierbare Alternative. Wichtiger aus seiner Sicht ist ohnehin, die geplante Umweltzone in Halle drastisch zu verkleinern und vor allem die Volkmannstraße herauszunehmen. „Selbst der EU-Umweltkommissar zweifelt doch inzwischen an der Wirksamkeit der Zonen.“

Die Lebensqualität habe sich seit 1990 verbessert und der Rahmen für wirtschaftliche Erfolge (Bildung, Technik, Verkehr) sei geschaffen. Die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit (VDE) seien weitgehend abgeschlossen. Auch wenn die A38 viel zu spät gekommen sei und der Lückenschluss an der A143 noch vollzogen werden müsse. Zu tun sei noch bei Landes- und Kreisstraßen sowie Brücken, doch das sei „Feinschliff“. Halle sei gleichberechtigt mit Leipzig an die Strecke Berlin-München des InterCityExpress (ICE) angeschlossen. Große Defizite gebe es noch beim Ausbau der Wasserstraßen Saale und Elbe. Es gehe auch um Halles Hafen in Trotha, der ja kein Regionalhafen sei. Geteilter Meinung ist der IHK-Chef beim Wirken von Bürgerinitiativen. „Ich habe jedes Verständnis für die Umweltsensibilität der Menschen“, so Brockmeier. Zumal in einer Region, die in der DDR so stark beeinträchtigt war. Es sei allerdings ärgerlich, wenn Bürgerinitiativen im Umfeld von Bau- und Ansiedlungsvorhaben mitunter den Eindruck erweckten, als würden keine rechtstaatlichen Prinzipien gelten. Dabei gebe es öffentliche Bekanntmachungen und Anhörungen. Die Menschen müssten sich  informieren. Die IHK bringe sich dabei ein. „Wir sind ein Träger öffentlicher Belange und geben bei Investitionsvorhaben auch unsere Stellungnahmen ab.“
Kritisches merkte Brockmeier auch zum Einzelhandel an. „Wir brauchen keine weiteren Flächen mehr.“ Es herrsche ruinöse Konkurrenz, weil die Ausgaben der Kunden etwa für Grundnahrungsmittel seit 15 Jahren sinken. Über den Handel der Stadtspitze mit der Grünen Wiese (geplant ist der Bau eines Fabrikabsatzzentrums in Halles Umland) sei man sehr erstaunt und verärgert.
Die IHK mische sich aktiv ins Geschehen ein und sei für alle Bürger da. Man könne montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr vorbeischauen und sich in Wirtschafts- und Bildungsfragen informieren und beraten lassen.

Zurück zu "Medien-Berichte"