Tagesspiegel 17.10.07

 
Halle
Die heimliche Diva


Plattenbauten, Scherbenviertel, Stadtsterben - das ist das eine Gesicht von Halle. Das andere ist das einer Kulturmetropole mit Wissenschaft und Wirtschaftsaufschwung. Bald kommt Europas größtes Theaterfestival. Eine Reise durch Himmel und Hölle.

Nicht gerade alle Welt schaut auf Halle. Aber aufschauen soll die Welt schon ein bisschen, wenn das größte internationale Schauspiel-Festival im nächsten Frühjahr in der 235 000 Einwohner zählenden Stadt an der Saale landet. Noch schwebt "Theater der Welt 2008" wie ein Ufo über Halle. Doch soeben hat der Festivalkurator Torsten Maß das halbe Programm verkündet, und die andere Hälfte steht auch schon fest.

Da mögen wir staunen, wenn Jürgen Sparwasser demnächst im Hallenser Fußballstadion für die DDR noch einmal das 1:0 gegen die DFB-Weltmeisterschaftself von 1974 erzielen soll. Er ganz allein im weiten Rund, gespielt vom fußballverrückten Schweizer Performance-Künstler Massimo Furlan. Oder wir sind neugierig, wie eine hippe New Yorker Experimentalgruppe die erzbischöfliche Residenz (Renaissance) und die örtliche einstige Stasi-Zentrale (Platte) nacheinander zur Spielfilmszene für die antike "Orestie" macht. Aber vor allem steht doch die Frage: Werwiewaswarum das Ganze gerade hier - in Halle?

Halle, das betonen hier alle, ist "die große Unbekannte". Ist die Geburtsstadt Georg Friedrich Händels und Heimat Hans-Dietrich Genschers. "Mehr wissen die meisten nicht über uns", meint Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD), die seit einem Jahr die Stadt regiert und in Hosen und T-Shirt in ihrem Amtszimmer viel jünger wirkt als knapp 60. Wobei sie resolut das Lächeln aufsetzt, das einem bei fast jedem Gespräch mit Hallensern begegnet. Ein selbstironisch bescheidenes und sich doch mutmachendes Na-komm-schon- Lächeln, und gleich danach kommt: "Wir stellen unser Licht zu sehr unter den Scheffel. Viel mehr als die Leipziger, unsere Nachbarn, die Kultur und Wirtschaft wie eine Monstranz vor sich hertragen!" Sagt Frau Szabados, die zu DDR-Zeiten ihr Chemiediplom an der Bergakademie im sächsischen Freiberg gemacht hat. Neben ihrem Schreibtisch lehnt ein Schwert an der Wand. Aber das sei keine wirkliche Waffe, nur ein Theatergeschenk. Ein "Schaustellerdegen".

Schaut man aus ihrem Büro hinab auf den historischen Marktplatz, sieht man vor der schönen gotischen Liebfrauen-Kirche, deren spitze Türme Künstler von Caspar David Friedrich bis Lyonel Feininger inspiriert haben, ein Gemisch aus Barock, Historismus, grauer neuer Sachlichkeit und Kaufhausmoderne, dazwischen italienische Cafés in der Herbstsonne und ein paar Buden wie das "Hackfleischmobil" und den "Canton Nr. 1 Imbiss". Man denkt zunächst, das ist einmal mehr irgendwo und überall in Deutschland, dort, wo es nach Fußgängerzone riecht. Aber hier soll im Juni 2008 "Theater der Welt" mit einem tollen indischen Freiluftspektakel beginnen, mit Trommeln und Tanz, intermedial, multikulturell und überhaupt.

Im ersten Moment ist da auch noch ein anderer Gedanke. Wir sind in Sachsen-Anhalt, nicht weit von Halle läuft in Halberstadt seit letzter Woche der Prozess gegen vier Neonazischläger, nachdem dort im Juni eine Theatergruppe krankenhausreif geprügelt wurde. Und nicht zufällig debattiert soeben der Landtag in Magdeburg "Sachsen-Anhalts Weg in eine offene Gesellschaft". Also käme das große, zuletzt vor drei Jahren in Stuttgart veranstaltete "Theater der Welt" der Stadt Halle und dem mittelostdeutschen Bundesland zur Rufrettung eben recht?

Ein Zusammenhang liegt auf der Hand. Aber den Schuh, und sei's auch nur ein brauner Absatz, möchte man sich in Halle nicht anziehen. Es gibt knapp 17 Prozent Arbeitslose, es gibt vor allem die verödenden Plattenbausilos in Halle-Neustadt, wo die DDR für die nahen früheren Chemiekombinate Leuna, Buna, Bitterfeld einmal den "neuen Menschen" ansiedeln wollte - und wo statt 100 000 nur noch etwa 40 000 Neuhallenser übrig geblieben sind. Das sei eine "Problemzone", räumt die Oberbürgermeisterin ein und klopft zugleich auf die Tischplatte: Seit 1990 schon gebe es in Halle alljährlich eine "Interkulturelle Woche", es existierten unzählige "Initiativen zur Integration ausländischer Mitbürger", und "wenn die Rechten nur aufmucken, dann zeigen wir sofort Flagge und Zivilcourage".

Deshalb müsse das Festival "nicht aufgesetzt Fremdenfreundlichkeit demonstrieren", das fände Dagmar Szabados peinlich. Denn: "Halle ist die Kulturhauptstadt von Sachsen-Anhalt, wir haben eine tolle alte Universität mit boomenden neuen Instituten, wir haben drei Theater" - das ist im Größenvergleich ungefähr so, wie wenn Berlin zehn Opern hätte. Es wisse nur noch nicht jeder. Und nun muss die OB zum Flieger, ein Meeting in München, sie schnappt sich einen roten Blouson, muss zum Airport Leipzig-Halle. Auf diese Kombi "zwischen Metropole und Provinz" legen sie hier Wert.

Metaphorischer und vielleicht doch realistischer gesagt, liegt Halle: zwischen Himmel und Hölle. Es kommt nur auf die Perspektive an. Man kann am Hauptbahnhof Halle ankommen, eine "Kiss & Ride"-Zone, wie hier der Kurzparkstreifen heißt, passieren und sich an der ersten Kreuzung nach rechts wenden. Dann landet man in der Vorstadt sogleich im haushoch annoncierten "X-Carree" mit "Bordell" und "Saloon". Man kann sich nach links wenden, stadteinwärts, und knallt sofort gegen einen absurden Betonriegel aus querschneidenden Hochstraßen, windigen Über- und Unterführungen und dahinter auf den nächsten Riegel in Gestalt des von außen trostlos maskierten ehemaligen Interhotels, breite Platte, heute wohl mit Vorhöllenkomfort.

Niemand kann bei solchem Entree ahnen, dass sich hinter weiteren Zivilisationsbarrieren dann wirklich eine der traditionsreichsten, weitläufigsten deutschen Altstädte verbirgt. Heute ein Wunder, weil ihr bis zur Wende die fast völlige Auslöschung drohte. Bei einem Besuch Anfang 1990 gab es außer dem Marktplatz und dem schlossgelb leuchtenden Händel-Geburtshaus nur eine Oase. Das war Peter Sodanns Neues Theater auf der von ihm so getauften, aus einer Handvoll eng gedrängter Altstadthäuser bestehenden "Kulturinsel". Sodann hatte als Intendant in der Endzeit der DDR mit Mut und Mörtel und selbst organisiertem Baumaterial die ziemlich einmalige Privatinitiative ergriffen und sein Theater mit Kunst und Kneipe zu einer halb offiziellen Alternativszene entwickelt.

Das hatte er mir, dem West-Kritiker, stolz wie ein wahrlich verdienter Held der Kopf- und Handarbeit vorgeführt, und als ich nach Mitternacht und vielen, vermutlich selbst gebrannten Sodann- Schnäpsen durch Halles menschenleere Altstadt in Richtung Interhotel wanderte, standen in der heutigen Fußgängerzone schon die FDP-gelben Genscher-Plakate, und es gab erste Tchibos und "Bistros". Aber jeder Blick in die Seitengassen war gespenstisch: Schutthaufen zusammengebrochener Fachwerkhäuser, wie nach einem Bombenangriff, geborstene, verrußte Renaissance-Erker bereits über der Straße hängend. Halle - eine Mischung aus Krähwinkel und Bronx.

Bald darauf ist Peter Sodann zum bekanntesten Fernsehkommissar des deutschen Ostens avanciert, erst letztes Jahr hat er nicht ganz freiwillig seine Hallenser Intendanz aufgegeben, wurde Ehrenbürger, aber lebt nun im nahen Merseburg. An ihn erinnert auf der Kulturinsel die Künstlerkneipe "Strieses Biertunnel" und natürlich das Neue Theater. Das leitet jetzt der gewitzte ehemalige Puppenspieler Christoph Werner, der auch Intendant des kommenden Festivals ist, aber das Programm dem welt(theater)erfahreneren Torsten Maß überlässt. Der 56-Jährige lenkte früher das Berliner Theatertreffen, war zwei Jahrzehnte lang in der Leitung der Berliner Festspiele und ist, zum "Theater der Welt" beurlaubt, inzwischen für die Projektförderung der 2002 gegründeten Bundeskulturstiftung verantwortlich.

Diese hat ihren Sitz nämlich auch in Halle - in den zum Teil noch herrlich verwunschenen Häusern der um 1700 als pietistisches Waisenhaus gegründeten Franckeschen Stiftungen: Halles Weltkulturerbe mit grandioser Bibliothek und exotischem Wunderkammer-Museum, das bis 1989 gleichfalls verfiel. Allerdings betonen Maß und seine Stiftungschefin Hortensia Völckers, dass der Bund mit 800 000 Euro das alle drei Jahre in eine andere deutsche Stadt vergebene Festival unterstütze. "Aber nicht aus Geldern der Kulturstiftung, wir sind völlig unabhängig!"

Maß hat sein Büro jetzt im Neuen Theater. Dort hängen die Fahnen von 18 Ländern, und 500 Künstler sollen 18 Tage lang an ebenso vielen Aufführungsorten Stadt, Land und Fluss bis hin zu den Zauberinseln im benachbarten Wörlitzer Gartenreich bespielen. Das klingt so einfallsreich wie verführerisch, und wir machen eine Vorprobe aufs Exempel. Freilich am Rande der Hölle.

Auf einer stadtbausündhaften, DDR- wahnhaften Hochstraße geht es über die Saale nach Halle-Neustadt. Ins Scherbenviertel. In der schrumpfenden Stadt, mitten im Stadtsterben, lungern Halbwüchsige, halten sich an ihre Bierflasche und die Aussicht auf die erblindeten "Scheiben", wie sie die nun zur Hälfte leer stehenden 18-Geschoss-Hochhäuser nennen. In manchen sind Altenheime, neben Getränkebuden fallen die Läden für Hörgeräte auf. Dort am Rand dann eine flachere Platte: Unkraut überwuchert ein Hammer-und-Sichel-Relief, am Seiteneingang steht aus schwarzem Eisen noch ein grimmiger Armist, und aus den Fenstern der Front starren bis zur Decke Regale mit Akten. Auf der Rückseite geraffte Gardinen und Zimmergrün. Die einstige Stasi-Zentrale, mit gedeckter Vorfahrt - so sieht nun ein bundesdeutsches Finanzamt aus. Und darauf wird die New Yorker Big Art Group im Juni den letzten Teil der "Orestie" projizieren: den Übergang vom Mythos zur ersten, dramatischen Idee rechtstaatlicher Demokratie. Mal sehen.

Zurück in der anderen Welt. Direkt gegenüber von Maß' Büro liegt hügelauf Deutschlands schönster Universitätscampus: ein einmaliges Ensemble aus Barock, Klassizismus und glänzend eingefügter Supermoderne. Von hier ging im 17. Jahrhundert durch Thomasius und Christian Wolff, dem Inspirator Kants, die deutsche Aufklärung aus; hier wurde die erste deutsche Frau promoviert und studierte einst der erste Schwarzafrikaner. Jetzt hocken die Jungen im Hauptgebäude mit ihren Notebooks unterm goldenen Kronleuchter, und im ersten Stock ist der holzgetäfelte Hörsaal, in dem in den 50er Jahren der Holocaust-Überlebende Victor Klemperer lehrte.

"Das ist unsere Zukunft: die Verbindung von Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft. Die Abwanderung ist gestoppt, wir profitieren auch von der Ausstrahlung Leipzigs und sind selber sehr gut aufgestellt", meint dazu Manfred Kübler. Er ist ein gewichtiger, energischer Schwabe, der vor 14 Jahren als Vorstandschef der Volksbank nach Halle gekommen ist. Deshalb hat er als erster Sponsor auch 100 000 Euro fürs "Theater der Welt" gestiftet und Torsten Maß in der Region die Türen für weitere Wirtschaftsspenden geöffnet. Weltkultur in Halle zahle sich aus, davon ist er überzeugt, als "knallhart optimistischer Realist" .

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 17.10.2007)

Zurück zu "Medien-Berichte"